Von gewaltlosem Widerstand und asymmetrischer Politik

Fr, 25. Okt. 2019

Immer wieder in der Geschichte treten unerwartet Menschen auf den Plan, die den Lauf der Dinge mit verblüffenden Methoden verändern oder beeinflussen. Mit viel Intuition gelingt es ihnen, ein Momentum zu nutzen und eine Wirkung zu entfalten, vor der sich gestandene Politikerinnen und Politiker nur noch die Augen reiben. Mahatma Gandhi zählt zu ihnen, der indische Freiheitskämpfer, der die britische Kolonialmacht mit zivilem Ungehorsam herausforderte. Anfang Oktober feierte man seinen 150. Geburtstag. Auch die schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg gehört dazu. Sie wurde mit ihren Schulstreiks zum Gesicht der globalen Jugendbewegung «Fridays for Future», die sich für einen wirksamen Klimaschutz einsetzt.

Bei aller gebotenen Vorsicht vor historischen Parallelen: Es gibt auffallende Gemeinsamkeiten zwischen Mahatma Gandhi und Greta Thunberg. Beide betrieben oder betreiben eine asymmetrische Politik. Sie greifen also die etablierte Politik mit den Waffen des Unterlegenen an – mit zivilem Ungehorsam. Gandhi entwickelte die Idee des gewaltlosen Widerstands, 1920 rief er die «Kampagne der Nichtkooperation» mit der britischen Kolonialmacht aus. Der «Salzmarsch» von 1930 machte Gandhi weltweit bekannt. Die Protestierenden wanderten zum Meer, um selbst Salz zu gewinnen und damit gegen die hohe Salzsteuer vorzugehen und das Salzmonopol der Briten zu brechen. Das traf die Kolonialmacht empfindlich und befeuerte den Kampf um die indische Unabhängigkeit. Dieser Coup brachte den späteren britischen Premierminister Winston Churchill 1931 derart in Rage, dass er Gandhi – in Anspielung auf seine Kleidung – als einen «halbnackten Fakir» bezeichnete.

Ähnlich allergisch bis verärgert reagieren heute gewisse Politiker und Publizisten – notabene praktisch ausschliesslich Männer – auf Greta Thunberg. Sie schiessen sich in grossem Eifer auf die junge Aktivistin ein und versuchen etwa, die Fridays-for-Future-Bewegung als blosses Massen-Schulschwänzen lächerlich zu machen. Der bekannte britische Historiker Niall Ferguson bezeichnet Greta Thunberg in der NZZ als «Anführerin einer Endzeit- und Erlösungsbewegung», und Norbert Bolz, ein pensionierter Professor für Medienwissenschaft in Berlin, schreibt, ebenfalls in der NZZ: «Sie ist die Heilige der grünen Ersatzreligion, die Heldin unserer Zeit, die die Authentizität ihres Anliegens durch Weltfremdheit und Kindlichkeit beweist.» Wer die Gefahren der Klimaerhitzung als weltfremd bezeichnet, disqualifiziert sich selbst. Thunberg stützt ihre Kampagne auf wissenschaftliche Erkenntnisse und weiss auch mehrere Berater an ihrer Seite. Einer von ihnen ist Kevin Anderson, Professor für Klimawandel und Energie an den Universitäten Manchester und Uppsala; er sagte in einem «Spiegel»-Interview: «Ich habe in den Gesprächen mit ihr oft den Eindruck, mit einer jüngeren Kollegin unseres Instituts zu diskutieren.» Sie sei unglaublich gut informiert.

Greta Thunberg ist ja auch nicht die Erste, die eindringlich warnt. Der frühere US-Vizepräsident Al Gore hat zwei aufwühlende Filme zum Klimawandel gedreht und dafür 2007 – zusammen mit dem Weltklimarat IPCC – den Friedensnobelpreis erhalten. Schon 1989, vor 30 Jahren, warnte die konservative britische Premierministerin Margaret Thatcher – eine studierte Chemikerin – in einer eindrücklichen Rede vor der UNO-Generalversammlung vor den dramatischen Folgen der Erderwärmung und forderte sofortige Massnahmen.

Zu wenige haben diese Warnrufe bisher ernst genommen. Doch nun dringt das Thema kraftvoll in die institutionelle Politik ein. Das zeigt auch das Wahlresultat vom vergangenen Wochenende: Die Grüne Partei der Schweiz hat in einer einzigen Wahl den grössten Sitzzuwachs seit Einführung des Proporzsystems im Jahr 1919 erzielt. Das wäre ohne die mit existenzieller Ernsthaftigkeit vorgebrachte Botschaft Greta Thunbergs und mit ihr Millionen anderer Menschen so nicht denkbar gewesen. Das Herumnörgeln der älteren Herren an der jungen Schwedin wirkt jetzt nur noch peinlicher.

JÜRG MÜLLER
mueller@muralt-mueller.ch

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