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Was kann Gstaad von Zermatt lernen?

Fr, 18. Okt. 2019

Unter diesem Titel fanden am vergangenen Freitag die Bernerhof-Gespräche statt. «Ich glaube, man ist auf dem richtigen Weg, indem man auf Qualität setzt», betonte Franz Julen, Präsident der Zermatter Bergbahnen AG. Wichtig sei auch das Miteinander aller Leistungsträger.


Unter diesem Titel fanden am vergangenen Freitag die Bernerhof-Gespräche statt. «Ich glaube, man ist auf dem richtigen Weg, indem man auf Qualität setzt», betonte Franz Julen, Präsident der Zermatter Bergbahnen AG. Wichtig sei auch das Miteinander aller Leistungsträger.

ANITA MOSER
«Es ist in Zermatt nicht alles Gold, was glänzt», betonte Franz Julen mehrmals. Aber trotzdem macht Zermatt ganz vieles richtig. Gemäss einer Studie liegt Zermatt auf Platz 2 bei den beliebtesten Ferienorten, hinter St. Moritz und vor Davos und den Jungfraubahnen. Gstaad liege irgendwo in den Top 20, informierte Sonja Hasler, die als Moderatorin durch den Abend führte.

Nicht das Matterhorn allein
Der Erfolg von Zermatt habe viele Gründe. «Nicht nur das Matterhorn«, so Julen. «Pioniere, Visionäre haben ganz früh die Weichen richtig gestellt und davon profitieren wir heute», erklärte er. Angefangen habe die Entwicklung 1891 mit der Bahn von Visp nach Zermatt. Darauf folgten viele weitere Bahnprojekte, zuletzt 2018 als weiterer Meilenstein die 3S-Bahn von Trockener Steg bis zum Klein Matterhorn. Und schon 1961 – als noch niemand von Klimaerwärmung gesprochen habe – beschloss der Gemeinderat einstimmig, dass Zermatt autofrei bleibe. Ein Aushängeschild und ein fantastischer Werbeträger sei die 1968 gegründete Air Zermatt. Früh habe Zermatt auch auf die künstliche Beschneiung gesetzt, obwohl das in der Bevölkerung Kopfschütteln und Unverständnis ausgelöst habe. Auch von der Verbindung Zermatt–Cervinia profitiere Zermatt. «Aber der wichtigste Meilenstein, der den Erfolg von Zermatt ausmacht, war 2002 die Fusion der drei Bergbahnen zur Zermatter Bergbahnen AG», so Julen. Zum Erfolgspackage zähle auch das Unplugged-Konzert, erst belächelt und heute eine Erfolgstory, «Das Konzert verlängert die Saison im April um eine Woche, bringt gute Leute, gute Künstler.»

Es gebe aber noch mehr Gründe, die mindestens so wichtig seien, dass Zermatt heute so dastehe. «Wir haben ein sehr erfolgreiches einheimisches Gewerbe, Hotels, Restaurants, Einzelhandel.» Das seien erfolgreiche Unternehmer, die investierten und innovativ seien. «Zermatt macht 75 Prozent des Umsatzes in den Hotels. Die Hotels sind 9 bis 10 Monate voll, dadurch verdienen die Hoteliers Geld.» Zermatt sei nicht wie andere Destinationen von Zweitwohnungen abhängig und das gelte es zu erhalten. Mit einem strikten Baureglement habe Zermatt auch seinen Charme behalten – ähnlich wie die Destination Gstaad. «Das Gesamtpaket steht für den nachhaltigen Erfolg von Zermatt», betonte Julen. Es liege in der Verantwortung der heutigen Generation, das Erbe der Vorfahren weiterzuführen – mit Respekt vor der Natur.

Investitionen in die Zukunft
Kurz zusammengefasst fusst die Strategie der Zermatter Bergbahn auf folgenden Punkten: im Winter keinen Millimeter nachgeben, in den Sommer investieren, die Hochpreisstraegie weiterfahren, Digitalisierung und Corporate Social Responsibility.

Die grosse Wertschöpfung liege im Winter, so Julen. Auch wenn der Markt zurückgehe, wie viele Studien bewiesen, werde Zermatt weiter in den Wintersport investieren, jährlich 30 Millionen Franken in Beschneiung, Pisten, neue Anlagen, zum Beispiel in die Verbindung nach Italien ins Monterosa Skigebiet. «Wenn die Verbindung kommt, wäre Zermatt weltweit Nummer eins, das grösste Skigebiet, was ein wichtiger Marketingfaktor ist.» Auch das Leistungsangebot für alternative Wintergäste soll verbessert werden.

«Wir glauben sehr stark an den Sommer», so Julen. Die Bergbahn generiere heute 25% des Umsatzes im Sommer, das Ziel liege bei über 30%. «Deshalb bauen wir die zweite 3-S-Bahn von Testa Grigia auf das Klein Matterhorn. Dann sind Zermatt und Cervinia 365 Tage mit Turnschuhen erreichbar.» Der Investitionsbedarf wird auf 100 bis 150 Millionen Franken geschätzt. «Wir dürfen aber nicht zu weit gehen», betonte Julen und erwähnte das Stichwort Massentourismus, Overtourisme.»

Qualität hat ihren Preis
Ein weiterer wichtiger Punkt sei die Preisstrategie. «Wir dürfen den Wintersport nicht zu billig verkaufen.» Bergbahnen sei ein investitionsträchtiges Business. «Wenn man nicht die notwendigen Renditen hat, kann man nicht investieren, wenn man nicht investiert, verlieren wir gegen Österreich, Südtirol.» Digitalisierung sei wichtig für jede Firma, so Julen weiter. Im vergangenen Jahr habe Zermatt das Dynamic Pricing eingeführt. In diesem Modell sind die Hoteliers eingebunden. «Es hat ein Umdenken innerhalb der Destination stattgefunden: Die Bergbahn muss mithelfen, dass das Gewerbe Geld verdient. Ist das nicht der Fall, geht es der Bahn auch nicht gut.» Die Abwicklung läuft über die eigens gegründet Firma Bonfire. Diese gehört zu 50% Zermatt Tourismus und zu 50% den Bergbahnen. «Wer nach Zermatt kommt, soll nicht Mails von verschiedenen Leistungsträgern bekommen. Es wird alles zentralisiert.» Deshalb gibt es den elektronischen Meldeschein. «Das heisst, der Hotelier, der nicht mitmacht, profitiert nicht von den Rabatten auf die Skitickets.»

Eine Nummer kleiner
Man lese auch viel Gutes von Gstaad, so Sonja Hasler. Die Destination blicke auf eine erfolgreiche Sommersaison zurück, die Bergbahnen hätten sieben Auszeichnungen bekommen, die neue Saanersloch-Bahn sei in Betrieb und die neue Eggli-Gondelbahn nehme im Winter den Betrieb auf. «Wo steht die Destination Gstaad im Vergleich zu Zermatt?», fragte sie Heinz Brand, Verwaltungsratspräsident der BDG AG. «Gegenüber Zermatt sind wir eine Nummer kleiner», meinte er. «Zermatt geht hinaus und kommuniziert positiv. Diesbezüglich haben wir ein Manko.» Heinz Brand liess die – schwierige und langjährige Geschichte der Gstaader Bergbahnen Revue passieren. «Die intakte Landschaft mit grünen Wiesen und vielen Kühen, eine gut funktionierende Landwirtschaft, ein starkes Gewerbe, der strikte Baustil und eine hochwertige Hotellerie – das ist unser grösstes Kapital», so Brand. Im Vergleich zu Zermatt verfüge die Destination Gstaad über weniger Betten. Hier gebe es sicher noch Potenzial, aber das stehe nicht in seiner Macht.

Die strategische Ausrichtung sei jener von Zermatt ähnlich: «Wir wollen den Qualitätstourismus, nicht den Massentourismus fördern, wir wollen Nischen pflegen.»

Was kann Gstaad von Zermatt lernen?
Visionäre habe es in der Vergangenheit auch gegeben, nun fehlten sie aber, meinte Marcel Bach. «Ich wollte, Franz Julen käme etwas mehr ins Saanenland.» Er kenne Zermatt sehr gut. «Wir hier haben ein grosses Problem und das sind wir selber», sagte Bach dezidiert. «Uns geht es relativ gut, die Gemeinde hat sehr viel Geld, der Gemeinderat schläft, hat keine Initiative. Wir leben vor allem vom Immobilienhandel, vom Gewerbe. Wir befassen uns zu wenig mit der Zukunft, mit neuen Sachen», so seine Kritik. Seine Vision: die beiden Skigebiete Lenk und Gstaad zusammenzuhängen. «Aber das ist gescheitert.» Jede Destination habe Angst, Gäste an die andere Destination zu verlieren. «Dabei vergisst man, dass man die Kilometeranzahl verdoppeln könnte, dass man mehr Leute in die ganze Region brächte und alle profitieren würden. Aber das braucht Courage.»

Viele Bergbahnen seien zu stark politisiert, meinte Julen. Die Zermatter Bergbahnen gehörten zu 23% der Burgergemeinde, zu 22 Prozent der Gornergratbahn und zu 18% der Gemeinde. Die anderen 37Prozent seien Privataktionäre. «Die Gesellschaft hat den grossen Vorteil, dass sie agil, innovativ, schnell und relativ entpolitisiert ist. Wir können nach betriebswirtschaftlichen Kriterien unsere Entscheide fällen.».

Auch die BDG sei entpolitisiert worden, betonte Heinz Brand. Und in Bezug auf die von Marcel Bach ins Spiel gebrachte Fusion mahnte er, das Fuder nicht zu überladen.

Ein Miteinander
Die grossen Leistungspartner, Zermatt Tourismus – involviert sind der Gewerbeverein und der Hotelierverein –, die Gemeinde, die Burgergemeinde, die Bergbahn und die Gornergratbahn hätten ein Strategiegremium, das sich regelmässig treffe. «Jeder hat seine eigene Unternehmung, will seine Interessen bestmöglich einbringen, aber man spürt das Miteinander. Das ist für mich für eine Destination das A und O. »

Das Motto «Miteinander» gelte in der Destination Gstaad auch, betonte Marcel Bach. «Aber in der Praxis funktioniert es leider nicht so. In letzter Zeit ist es zwar besser geworden, aber man macht immer noch Pflästerlipolitik», so Bach. «Wir haben zwei Bahnen geschlossen, zwei alte ersetzt, wir sind auf dem richtigen Weg, aber wir sind zu wenig aggressiv gegen vorne.» Er sei ein relativ ungeduldiger Mensch, gestand er. «Mein Wunsch wäre, dass man etwas aggressiver und vor allem schneller auftreten würde.» Beeindruckt zeigte er sich von der Zermatter Preispolitik. «Wir müssen ein gutes Produkt haben, das beste Produkt. Dann wollen die Leute kommen. Und wenn wir voll sind, erst recht. Aber wenn wir den Preis durchsetzen wollen, müssen wir auch gut sein. Die Konkurrenz schläft nicht.» Was ihn sehr beschäftige, seien die neuen Bahnen im Jungfraugebiet. «Die werden uns viele Leute wegnehmen», so Bach.

Man dürfe nichts überstürzen, entgegnete Brand. «Man kann nicht 20 Jahre in fünf Jahren korrigieren», wehrte er sich gegen die Vorwürfe. Man müsse innovativ sein und vorwärtsgehen. Die Zusammenarbeit zwischen der Marketingorganisation, dem Hotelierverein, dem Gewerbeverein und dem GST funktioniere, innerhalb von zwei Jahren habe man es geschafft, die Kräfte zu bündeln.

Nicht viel anders
«Es ist nicht viel anders als in Zermatt», meinte Julen. «Auch wir haben Leute, die Druck machen, Unternehmer, denen alles zu langsam geht.» Auch in Zermatt habe nicht alles vom ersten Tag an funktioniert. «Die Bahnen mussten gesundsaniert werden, das brauchte eine gewisse Zeit.» Auf Qualität setzen, auf hohe Preise sei die richtige Strategie, betonte Julen. «Und wenn die Leistungspartner zusammenhalten und in eine Richtung gehen – ein paar Ausschweifer gibt es auch in
Zermatt –, wenn man miteinander geht, auf die Hochpreisqualität setzt und Unruhestifter – positiv gemeint – hat, die Druck machen, sehe ich das für diese Destination positiver als viele andere.»

Schwierige Saisonverlängerung
Beide Destinationen setzen auf Ganzjahrestourismus. In Zermatt scheint dies eher zu gelingen, wie ein Anwesender meinte. Es sei immer viel los in Zermatt. «Wir sollten fusionieren …», schmunzelte Marcel Bach. «Ihr habt zu viele Leute, wir haben schöne Pisten, aber niemand der fährt, wir können durch das Dorf spazieren, wenn mehr als drei entgegenkommen, erschrickt man … Am Abend läuft sehr wenig.» Dieses Problem bestehe vor allem im Winter, so der Einwand von Stefan Jaggi. Im Sommer gebe es viele Anlässe, interessante Events. Das Problem sei die Saisonverlängerung. Bereits jetzt hätten schon die meisten Hotels zu. «Zermatt entwickelt sich ganz klar zu einer 12-Monate-Destination», betonte Julen. Dank der neuen 3-S-Bahn habe man im Frühling gut gearbeitet. Auch hätten immer mehr Hotels ihre Öffnungszeiten erweitert, vor allem die kleineren, dynamischen haben länger offen.

Gstaad habe eine andere Gästestruktur, betone Bach, der Vergleich mit Zermatt sei gewagt. «Man kann nicht alles haben. Es ist vieles richtig gemacht worden, aber es ist kein Paradies, um eine Bergbahn zu betreiben», anerkannte Bach, konnte sich aber einen kleinen Seitenhieb gegen Heinz Brand nicht verkneifen. «Das heisst nicht, dass man das Marketing nicht noch verbessern könnte …».

Auch die BDG habe Ideen für die Saisonverlängerung. «Wir haben heute einen Leistungsauftrag von der Gemeinde, wir fahren von Mai bis Oktober, die Abgeltung erfolgt durch Gemeinde.» Die BDG habe ihren Part geleistet, nun seien andere gefordert.

Diesen Winter gebe es auf dem Eggli nur ein reduziertes Angebot, antwortete Heinz Brand auf eine Frage aus dem Publikum. «Wir haben ein Pistenfahrzeug in eine Küche umbauen lassen», verriet er. Mehr sei im Moment nicht möglich, das Berghaus werde erst im Sommer fertig sein. «Auch wenn das wehtut, diesen Winter wird das Eggli eher gemieden statt genossen», so die Prognose von Brand. Eine Schlittelbahn sei in Planung, in der Pipeline, antwortete er auf eine weitere Frage. «Wenn die Eigentümer mithelfen, wollen wir von der Bergstation bis zur Talstation Eggli eine beschneite Schlittelbahn realisieren.» Und auf das Thema Bänkli angesprochen – ein Votant bemerkte, dass es an den Winterwanderwegen zu wenig Bänkli gebe und jene in der Promenade eingewintert würden – meinte Heinz Brand, das sei Sache von GST. «Ich glaube, man ist auf dem richtigen Weg, wenn man erstens auf Qualität setzt», sagte Julen zum Schluss. «Wichtig ist, dass die Leistungspartner miteinander reden», wiederholte er und nahm das Votum von Heinz Brand betreffend Bänkli auf. «Das ist ein Gstaad-Problem, am Schluss ist es auch dein Problem. Man muss sich miteinander an den Tisch setzen, miteinander kommunizieren, aufeinander zugehen, die Probleme lösen, eines nach dem anderen, Prioritäten setzen», so der Tipp des Amtskollegen aus dem Wallis.

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