Das Wochenende für die Reformation

Di, 05. Nov. 2019
Von der Moderatorin Sonja Hasler (Mitte) unterhaltsam aufgefordert, begeisterten die Gesprächspartner (v.l.) Dr. theol. Matthias Wenk, Dr. theol. Melanie Werren, Prof. Dr. theol. Martin Sallmann und Pfarrer Peter Henning mit Offenheit, Konsens und scheinbar grenzenlosem Wissen. FOTOS: JENNY STERCHI

Mit der erfolgreichen Eröffnung des Reformationsgartens im Gstaader Kirchgemeindehaus und einem interessanten Podiumsgespräch wurde das 500-Jahr-Jubiläum der Zürcher Reformation, ausgelöst durch Zwingli, begangen.

JENNY STERCHI
«Tapfer sein, mutig handeln.» So lauteten die markigen Worte, die Huldrych Zwingli formulierte, um die Menschen mit seinen Reformationsgedanken einzunehmen. Er tat genau das, als er der katholischen Autorität seiner Zeit die Stirn bot.

Wer dieser Zwingli war und wie er auf sein Umfeld wirkte, kam in einem Podiumsgespräch zum Ausdruck. Die Gesprächsrunde, die das Organisationsteam des Reformationsgartens zusammengestellt hatte, begeisterte die Besucher am Samstagabend mit sagenhaftem Hintergrundwissen und spannenden Verknüpfungen.

Im Podium, welches von der als SRF-Moderatorin bekannten Sonja Hasler moderiert wurde, fand sich neben Pfarrer Peter Henning, dem ehemaligen Rektor des Theologisch-Diakonischen Seminars (TDS), auch die aus der Lenk stammende Dr. theol. Melanie Werren ein. Mit einem unglaublichen Wissensschatz der historischen Hintergründe begeisterte Dr. Martin Sallmann, Professor an der theologischen Fakultät der Universität Bern. Vierter im Bunde war Dr. theol. Matthias Wenk von Bewegungplus, dem Dachverband der Schweizer Freikirchen.

Vom Humanismus geprägt
Die Ansicht, dass Zwingli ein überaus gebildeter und vom Humanismus geprägter Mensch war, teilten die vier Gesprächspartner ohne Zweifel. Er entwickelte sehr früh eine Sensibilität für Hilfsbedürftige. Daher rührte vermutlich seine Verehrung für Erasmus von Rotterdam, der Humanist war und von der Kirche forderte, zur Urfassung des Neuen Testaments als Quelle des Evangeliums zurückzukehren. Zwingli sah sich näher bei Erasmus, der den freien Willen des Menschen, an etwas zu glauben, ins Zentrum stellte, als bei Martin Luther. Der deutsche Reformator ging in seiner Glaubensauffassung davon aus, dass es nur zwischen Gut und Böse zu entscheiden gab.

Wer war dieser Zwingli?
Zwingli, in Toggenburg als Sohn eines Politikers geboren, nahm als für seine Zeit sehr offene und selbstbewusste Person eine Position zwischen diesen beiden Gelehrten ein. Er setzte sich klar für Veränderungen in der Kirchenstruktur ein, distanzierte sich jedoch als Pazifist von gewaltsamen Eingriffen in die Ordnung. Sein Widerstand fand in der Auffassung, dass das Vertrauen in den Glauben zu freiem Denken und schliesslich zum Handeln führt, seinen Ursprung.

Er selber war zunächst überzeugter Katholik und wirkte als Pfarrer in Glarus, Einsiedeln und schliesslich in Zürich. Mit der Bibellesung auf Deutsch sorgte er für Aufsehen und stellte sich gleichermassen der Autorität des Bischofs entgegen. Die heldenhafte Darstellung dieser Szene im Kinofilm «Zwingli» gab Anlass zur Kritik. Es dürfe nicht vergessen werden, so Prof. Dr. Martin Sallmann, dass auch die Bischöfe dazumal gebildete Herren waren.

Was brachte die Reformation?
Auch wenn sich das Podium nicht einigen konnte, womit die Reformation schliesslich eingeleitet wurde, erregten die Veränderungen Aufsehen.

Für das damalige Volk eröffnete der Verzicht auf das Lateinische im Gottesdienst die Möglichkeit, den eigenen Zugang zum Glauben zu finden, da es die Bibeltexte zum ersten Mal verstehen konnte. Zwinglis Behauptungen, dass Fasten und Ablasshandel das Leben nicht beeinflussen, versetzte sowohl die Kirchenobrigkeit wie auch die Menschen in Aufregung. Während beim einfachen Volk freier Glaube und befreites Denken ausgelöst wurden, drohte die einträgliche Quelle des Reichtums der katholischen Autoritäten zu versiegen. Die Vorstellungen und Symbole wie Fegefeuer und Kirchenzehnt, die sich die Kirche bis dahin für das Anhäufen von Vermögen und die Unterwürfigkeit der Gläubigen missbräuchlich zu eigen gemacht hatte, mussten laut Zwingli entfernt werden. Mit den Worten «Nicht von Christus schwätzen, sondern wandeln, wie Christus gewandelt ist» erreichte der Zürcher Reformator das einfache Volk und bereitete es langsam auf unaufhaltsame Veränderungen vor.

Problematik ungleicher Ansichten
Eine Abspaltung von Gläubigen, denen diese Veränderungen zu wenig schnell gingen und zu wenig weit reichten, gruppierten sich als Täufer.

Laut Prof. Dr. Sallmann ist der Konflikt, in den Zwingli dabei geriet, der Grund dafür, dass Zwingli für ihn zur gebrochenen Figur wird. Entfernt von seiner ursprünglich pazifistischen Überzeugung stellte er sich hinter die Jagd auf die Täufer, da er seine reformatorischen Bemühungen in Gefahr sah. Schliesslich zog Zwingli in den Zweiten Kappelerkrieg. In diesem Schweizer Religionskrieg standen sich Reformierte und Katholiken gegenüber. Zwingli kam ums Leben.

Zwinglis Befürchtungen, dass die Heilige Schrift in den beiden verschiedenen Auslegungen gegeneinander gelesen würden, bewahrheiteten sich leider. Erst mit der Ökumene konnte eine Lösung gefunden werden. Das unterschiedlich gestaltete Christentum gelte es bis heute dank Austausch und dem Verständnis als Friedenskirche zu pflegen. Glaubensideologien dürfe kein Raum gelassen werden. Darin war sich das gesamte Podium einig.

Zunehmendes Sozialgefälle in der Bevölkerung und die kontrovers diskutierte Ehe für alle seien Problemstellungen der Gegenwart, die für die Positionierung religiöse Hintergründe bemühen. Das vierköpfige Podium bekräftigte auch hier den Konsens. Eine vielschichtige Schriftenauslegung und die Sorgfalt im Umgang miteinander müsse im Zentrum stehen.

Ganzes Informationspaket
«Tapfer sein, mutig handeln» hatte sich auch das Vorbereitungsteam zum Credo gemacht. «Haben wir da Mut mit Übermut verwechselt?», fragte Kornelia Fritz, Pfarrerin in Lauenen und Mitglied im Vorbereitungsteam, eher rhetorisch, als sie zum Podiumsgespräch begrüsste. Sie wies damit dezent auf die Schwierigkeiten im Vorfeld hin, die das Projekt Reformationsgarten hier und da in Frage stellten.

Mit dem Podiumsgespräch eröffnete sich eine zusätzliche Dimension, um das im Reformationsgarten anschaulich dargestellte Wirken Zwinglis zu begreifen. Die zentrale Rolle des von Gutenberg entwickelten Buchdruckverfahrens wird in den Führungen durch das Kirchgemeindehaus ebenso beleuchtet wie der Alltag gläubiger Menschen zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Die Besucher finden sich mitten im Fastenbrechen und am Rande der entscheidenden Zürcher Ratsversammlung. Sie werden sogar aufgefordert, die katholischen Symbole aus der neuen, reformierten Kirche nach Zwinglis Vorstellungen zu entfernen. Am Ende der Führung wird eine plausible Erklärung geliefert, warum in Solothurn zum Beispiel das Geschäftsleben wegen eines kirchlichen Feiertags ruht, während in benachbarten Berner Gemeinden der ganz normale Alltag läuft.

Dass die reformationsbegleitenden Geschehnisse in Zürich im Reformationsgarten nicht auf «Züridütsch», sondern vielmehr in einheimischen Mundarten dargeboten werden, verdient zusätzliche Sympathie.

Führungen durch den Reformationsgarten werden noch bis 17. November mittwochs, freitags, samstags und sonntags durchgeführt. www. kirche-saanen-gsteig.ch

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