Dramatisch Nachdenkliches von der Theatergruppe Turbach

Di, 05. Nov. 2019
Stüdi Reist mit Änneli und Käthi Dreier. FOTOS: ÇETIN KÖKSAL

Wie es seit Jahren schon Tradition ist, hat die Theatergruppe Turbach seit Januar dieses Jahres ihr neues Stück einstudiert. Letzten Samstagabend fand nun im Schulhaus Turbach die Premiere von «Schwarmgeist» statt. Das dramatische Stück von Simon Burkhalter nach Simon Gfellers gleichnamigem Schauspiel wird bis Ende November noch sieben Mal aufgeführt.

ÇETIN KÖKSAL
Was sind Schwarmgeister? Nun, die Bezeichnung wurde während und nach Martin Luthers Reformation etwas polemisch auf alle gegnerischen religiösen Gruppierungen angewendet. Wer also gegen die Reformation war, wurde damals von deren Befürwortern durchaus abschätzig als Schwärmer oder eben Schwarmgeist betitelt. Später dann wandelte sich die Bedeutung des Begriffs mehrfach.

Im obgenannten Theaterstück ist es die Figur der Elise Reist, welche durch ihre in nächtlichen Träumen erlebten Offenbarungen der Schwarmgeisterei erliegt. Arlette Matti spielte diese von schweren Schicksalsschlägen gezeichnete, frustriert verbitterte, kinderlose Frau so eindrücklich, dass dem Zuschauer bei ihren Auftritten mulmig kalt ums Herz wurde. Konsequent verbannt Elise Reist ihren Verstand zugunsten eines absolut egoistischen Glaubenserlebnisses. Immer gebieterischer tyrannisiert sie ihre Familie bis zum tragischen Höhepunkt. Mitten im Ersten Weltkrieg lebt sie mit ihrem Bruder Ueli, seiner Frau Stüdi und deren Kinder Änneli und Gusti auf einem Bauernhof auf der Sunnigen Egg. Magd Stine Moser und Knecht Martin Ruef helfen ihnen bei der harten Arbeit. Die Tage nehmen ihren normalen Lauf, bis der Herr des Hauses in die Armee eingezogen wird …

Powerfrauen
Regisseur Markus Walther betonte im Gespräch, wie gerne er mit der Theatergruppe Turbach ein Stück mit tragenden Frauenrollen aufführen wollte und wie schwer es war, ein solches zu finden. Glücklicherweise fand er mit «Schwarmgeist» eines, das seinem Anspruch gerecht wurde. Neben der erwähnten Elise Reist überzeugte die ausgebildete Schauspielerin Sarah Luisa Iseli in der Hauptrolle der Stüdi Reist. Glaubhaft vermochte sie das breite und anspruchsvolle Gefühlsspektrum ihrer Rolle zu verkörpern. Von einer zufriedenenen, glücklichen Mutter zweier gesunder Kinder über eine angstvolle Ehefrau eines an die Front eingezogenen Mannes bis zu den Glaubenszweifeln gegenüber der schwarmgeisternden Schwägerin wusste Sarah Iseli mit ihrer Darstellung das Publikum in den Bann zu ziehen. Besonders intensiv waren die Szenen der Verzweiflung, der Trauer und des Wahnsinns.

Barbara von Grünigen alias Käthi Dreier gefiel ganz besonders mit ihrer Darstellung der bodenständigen Nachbarin der Familie Reist. Sie ist sozusagen das Gegenstück der Elise Reist, welche sich in einen der Welt abgewandten Glauben flüchtet. Obwohl auch Käthi Dreier mit einem tragischen Schicksal leben muss, findet sie noch Gefallen an den kleineren und grösseren irdischen Freuden. Zusammen mit Knecht Martin Ruef spielen sie im Stück die Rollen der Vernunft.

Die starken Frauenrollen widerspiegeln ganz gut eine Realität, die immer wieder während Kriegen zu beobachten ist. Wenn die Männer in den Kampf ziehen müssen, übernehmen die Frauen ihre zivilen Aufgaben und erledigen diese genauso gut oder schlecht, wie es ihre Männer zuvor getan haben. Warum also überlässt man die Führung eines Bauernhofs, einer Schreinerei, Metzgerei oder Fabrik nicht auch in Friedenszeiten vermehrt fähigen Frauen? Denn wenn sie diesen Aufgaben in Kriegszeiten gewachsen sind, sind sie es doch erst recht im Frieden. In der Schweiz liegt der Frauenanteil der Haushalts-Referenzeinkommen (Haupteinkommen eines Haushalts) aktuell bei ca. 20 bis 25 Prozent. Warum ist das auch heute – nach all den Gleichberechtigungsbemühungen – noch so, und was passiert eigentlich mit all den talentierten, gut ausgebildeten Frauen und ihren vielversprechenden Karriereaussichten?

Hochaktuelle Botschaft
Als Kontrast zur dramatischen Handlung strahlte das detailreich ausgearbeitete Bühnenbild eine bilderbuchhafte Alpidylle aus. In Kombination mit den passenden Kostümen wähnte man sich in einem Gemälde von Albert Anker. Auf jeden Fall hatte Markus Walther ein solches vor Augen, als er sich an die Inszenierung machte. Wie er im Gespräch erwähnte, durfte er sich dabei grosszügige Freiheiten nehmen und das Stück nach seinem Gusto adaptieren und umschreiben. Herausgekommen ist dabei eine lebendige Version, die den Zuschauer nah ans Geschehen lässt und ihn aus der Reserve lockt. Besonders die sich bis in den Zuschauerraum hineinziehende Bühne hat diese Wirkung ermöglicht. Die mit Musik gefüllten Spielpausen haben das ihre dazu beigetragen. Sehr eindrücklich war die äusserst passende, ruhige Totenmesse mit Gebet und Gesang in gedämpftem Kerzenlicht. Dem Zuschauer bot sich auf diese Weise die Möglichkeit, die dramatischen Ereignisse in Ruhe zu verarbeiten.

Autor Gfeller wollte mit diesem Stück auf die Gefahren einer selbstgerechten, blind fanatischen, bequemen und vor allem verantwortungslosen Gottgläubigkeit aufmerksam machen. Wer den Fatalismus der Eigenverantwortung vorzieht und überzeugt davon ist, Menschenliebe einer fanatischen Gottliebe opfern zu müssen, bringt früher oder später unendliches Leid über sich und andere. So könnte man vielleicht die Botschaft von «Schwarmgeist» beschreiben. Unweigerlich stellt sich dann natürlich die Frage, wo die heutigen Schwarmgeist-Verführungen lauern. Zielen Esoterik-Gurus und andere religiöse Scharlatane, aber auch politische Populisten von links und rechts nicht auch genau darauf, dass wir ihnen blind folgen und ihren Heilsversprechen und einfachen Lösungen glauben, ohne unseren Verstand zu gebrauchen? Hat die Geschichtsschreibung nicht schon unzählige Male bewiesen, dass überzeugten Fanatikern jedweder Couleur nicht zu trauen ist? Denn «Überzeugung ist die Sackgasse im Leben», wie die geläuterte Elise Reist am Schluss des Stücks mehrfach wiederholt. Doch die Einsicht kommt zu spät.

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