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Das ging unter die Haut

Fr, 21. Feb. 2020
Von links: Nachson Mimran (The Alpina Gstaad), Nella Ngingo, Moderatorin Mariella Frostrop, Adiam Jemane und der Künstler Marc Quinn haben am Mittwochabend sicher viele Zuhörer zum Nachdenken angeregt. FOTOS:JENNY STERCHI

Der britische Künstler Marc Quinn nutzt die Kunst nicht nur, um Aufsehen zu erregen. Mit seinem Projekt «ourblood», das er am Mittwochabend im The Alpina Gstaad vorstellte, möchte er unsere Wahrnehmung der Menschheit in Zeiten der Flüchtlingskrise fördern.

JENNY STERCHI
«Mein Blut und das eines Flüchtlings ist das gleiche», so lautet die Botschaft, die das mehrere Elemente umfassende Kunstprojekt «ourblood» begleitet.

Zwei greifbare Geschichten
Zum scheinbar unergründlichen Netzwerk von Nachson Mimran, Präsident des Verwaltungsrates der Grand Hotel Alpina AG, gehört auch Marc Quinn. Für Gstaad bedeutete dies die Präsentation des Projektes «ourblood» mit Beteiligung des Künstlers und zweier involvierter Flüchtlinge sowie die Ausstellung von zehn der 100 Betonskulpturen im The Alpina Gstaad.

In der Gesprächsrunde erfuhren die Gstaader Gäste, wie sehr sich Nella Ngingo aus Burundi bei ihrer Ankunft in Holland über die moderne Welt wunderte. «Ich fuhr stundenlang Rolltreppe. Das hatte ich noch nie zuvor gesehen», erzählte die junge Frau, die inzwischen ein gefragtes Model internationaler Designer ist.

Anders erlebte Adiam Yemane aus Eritrea ihre Flucht aus der Heimat. Im Alter von 12 Jahren wurde sie von einem Schlepper ohne Eltern nach London gebracht, wo er sich mit all ihren Habseligkeiten aus dem Staub machte. Bis heute hat sie Schwierigkeiten, ihre Identität zu finden. Das Mitleid, das ihr mitunter begegnet, trifft sie eher hart, anstatt dass es ihr hilft. Es erinnert sie doch immer wieder daran, dass ihre Wurzeln woanders sind. Aber auch sie ist beruflich erfolgreich. Als Fotografin konnte sie bereits ihre erste eigene Ausstellung realisieren.

«Blutrünstiger» Künstler
Marc Quinn, ein sehr bekannter britischer Künstler, machte bereits 1991 erste Erfahrungen mit Blut als kunstschaffendem Material. Er formte ein Selbstporträt in einer Skulptur. Dabei bildete er seinen Kopf als Büste, hergestellt aus seinem eigenen Blut, ab und erhielt dafür grosse internationale Aufmerksamkeit. Die Arbeit mit Blut faszinierte ihn, jedoch fand er keine Motive, die er mit Blut in Verbindung hätte bringen können.

Fassungslos über die humanitäre Tragödie, die sich auf und neben den Flüchtlingsbooten vor Italiens und Griechenlands Küsten abspielten, entschied er sich, in seinem nächsten Projekt die Flüchtlingsproblematik und das Blut zu verbinden. Das war vor mehr als drei Jahren. Seine Grundidee war, die Gleichheit des Blutes der Menschen verschiedener Herkunft abzubilden.

Doch das Projekt wuchs immens, nachdem es für Quinn neben dem künstlerischen Aspekt auch einen karitativen bekam. Unter dem Projektnamen «ourblood» werden viele verschiedenen Aktivitäten des Künstlers und seines Teams zusammengefasst.

Ein Kunstprojekt – viele Elemente
Unter dem Titel «Odyssee» werden seit Anfang des Jahres Blutspenden Freiwilliger gesammelt, die im nächsten Jahr tiefgefroren in zwei Würfeln vor der New York Public Library zu sehen sein werden. Nicht ganz zufällig wurde der Vorplatz der altehrwürdigen Bibliothek gewählt, befinden sich doch Dokumente über die historische Bevölkerungsentwicklung Amerikas als ein Einwandererstaat in ihren Regalen.

Dies ist allerdings nur die erste Station einer Reise der «Odyssee» um die ganze Welt. Die Ausstellung der beiden Würfel ist in vielen Städten auf allen Kontinenten geplant.

Die Gleichheit des Blutes steht im Mittelpunkt. Am Ende werden es 2500 Blutspenden von Flüchtlingen und ebenso viele von Nichtflüchtlingen sein, die in den beiden Würfeln untergebracht werden. Dabei wird niemand, nicht einmal der Künstler selber, wissen, in welchem Würfel sich wessen Blut befindet. «Der grundlegende Punkt der Skulptur ist der, dass wir unter der Haut alle gleich sind», so schilderte Quinn seine künstlerische Absicht.

Jeder, der Blut für das Projekt spendet, wird mit seinen Gedanken zur Flüchtlingsproblematik auf Video festgehalten. Diese Sequenzen werden an verschiedenen öffentlichen Plätzen in New York zu sehen sein. «Wir haben auch prominente Menschen als Spender einbezogen, um die Aufmerksamkeit der Menschen zu bekommen, die sich sonst nicht mit der Flüchtlingsproblematik beschäftigen möchten.»

Mit der Herstellung von 100 Büsten, in denen Quinn die Gesichter 100 verschiedener Flüchtlinge mit Beton abgebildet hat, sorgt der Künstler für einen Finanzierungszweig für das Gesamtprojekt «ourblood».

Das aus dem Gesamtprojekt generierte Geld wird in Zusammenarbeit mit verschiedenen Hilfsorganisationen in der Flüchtlingshilfe eingesetzt. «Für mich ist diese Arbeit zu einem Non-Profit-Projekt geworden», unterstrich Quinn.

Individualität versus Massenflucht
Über 60 Millionen Menschen befinden sich derzeit auf der Flucht. Jeder Einzelne von ihnen hat jedoch seine ganz eigene Geschichte. Und jeder von ihnen entfaltet sich nach seinen Eigenschaften und Möglichkeiten. Vorausgesetzt, er kann in Frieden leben, sich frei bewegen und seine Meinung äussern.

Um das zu verdeutlichen, ist Quinn für sein Projekt auf jene Flüchtlinge zugegangen, die sich seit der Flucht aus ihrer Heimat ein eigenständiges Leben ohne Abhängigkeiten aufgebaut haben.

www.ourblood.org

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