175 Jahre Posthotel Rössli Gstaad

Di, 01. Sep. 2020
Das Posthotel Rössli Gstaad vor 1903. FOTOS: ZVG

DAS POSTHOTEL RÖSSLI GSTAAD, CONROY UND NADJA WIDMER IM INTERVIEW

«Wir behandeln alle Gäste gleich!»

Das Posthotel Rössli in Gstaad feiert sein 175-jähriges Bestehen als Gasthaus. Seit 1922 ist es im Besitz der Familie Widmer. Conroy Widmer (CWI) führt es zusammen mit Nadja Widmer-Traub (NWI) in der vierten Generation. Viel hat sich im Lauf der Zeit verändert. Wichtig ist den beiden, das historische Erbe und den einzigartigen Charme des ältesten Gstaader Hotels zu erhalten und zu bewahren, ohne sich gegen die digitale Zukunft zu wehren.

KEREM S. MAURER

Wie kam das Posthotel Rössli zu seinem Namen?
CWI:
Das Haus wurde vermutlich um 1823 gebaut und wird seit 1945 als Gasthaus betrieben. Zu früheren Zeiten war es eine Postkutschenstation. Stallungen weisen darauf hin, dass hier die Pferde ausgewechselt wurden, bevor die Kutsche den Weg ins Gsteig unter die Räder nahm. Überliefert ist, dass es in diesem Gebäude eine Postablage hat-

te, von wo aus die Post in Gstaad verteilt wurde. Als die französische Sprache hierzulande noch en vogue war, hiess das Hotel Cheval Blanc.

Wann haben Sie das Hotel von Ihrem Vater Ruedi Widmer übernommen?
CWI:
Ich habe 1997 während der Hotelfachschule in Thun mit meinem Bruder Lars Widmer zusammen ein Übernahmekonzept geschrieben mit diversen Strategien und Entwicklungsschritten, deren Umsetzung wir 2002 starteten. Zusammen haben wir die operative Führung des Hotels 2008 übernommen. Nadja kam 2010 dazu. Seit 2011 bin ich offizieller Eigentümer und Betreiber des Posthotels Rössli.

Ein Haus mit diesem ehrwürdigen Alter gibt einiges zu tun. Was mussten Sie verändern, sprich den aktuellen Gegebenheiten anpassen?
CWI:
Wir überlegten uns, wie wir das Haus optimieren können und entwarfen ein Sanierungskonzept. Dieses wurde schrittweise umgesetzt. Die letzte Etappe des Sanierungsvorhabens liegt gegenwärtig bei der Bauverwaltung auf. Bis jetzt haben wir hauptsächlich in die Zimmer investiert, neue Fenster eingebaut, die Aussenfassaden energetisch optimiert sowie Fernwärme und Solarzellen installiert. Ebenso wurde die Küche vollständig saniert. Ausserdem wurden sämtliche elektrische Anlagen vollständig ersetzt, ebenso die Lüftungsanlagen.

Was beinhaltet die letzte Sanierungsetappe?
CWI:
Die Fensterfront im Restaurant Alti Poscht muss erneuert und ein Lift installiert werden. Südseitig über der Terrasse im ersten Stock planen wir eine Zimmererweiterung, die in jeder der drei Etagen je zwei zusätzliche Zimmer vorsieht, womit den Gästebedürfnissen besser entsprochen werden kann. Das Hotel hat aktuell 19 Zimmer in verschiedenen Grössen. Alles, was jetzt noch saniert werden muss, sollte in einem letzten grossen Umbau gemacht werden können.

Was erachten Sie als besonders erhaltenswert?
NWI:
Viele Menschen haben in den letzten 175 Jahren mit Herzblut das Hotel geprägt: Generationen von Gästen mit ihren Erinnerungen, Angestellte, die über lange Jahre ihre Passion einbrachten – und noch einbringen – genauso wie die Hotelièren und Hoteliers, welche die Ehre hatten, das Rössli auf einem Teil seiner Reise zu begleiten. Das macht den guten Geist des Posthotels aus, den es zu erhalten gilt. Für uns ist es ein Privileg, auf den Spuren erfolgreicher Vorgänger zu wandeln und das Rössli eine Zeitlang begleiten zu dürfen.
CWI: Originale Bausubstanzen sollen erhalten bleiben. Wir haben für den Korridor zwischen den beiden Restaurants eine Ausnahmebewilligung erhalten, damit ein Teil der zweihundertjährigen Blockwände sichtbar bleiben kann. Der alte Charme des Hauses muss erhalten bleiben, das macht das Rössli aus. Wir sind ein historisches Hotel und wollen das auch bleiben.

Was hat sich im Hotel- und Restaurantbereich verändert?
CWI:
Die grundlegende Veränderung kam Ende der 90er-Jahre, als wir unsere Website aufgeschaltet haben. Die Gäste haben schnell angefangen, online zu buchen. Später kamen Buchungsplattformen wie booking.com, was das Verhalten der Gäste noch zusätzlich verändert hat.
NWI: Die Zeiten wurden deutlich schnelllebiger, Reservierungen kommen kurzfristiger und sind von Faktoren wie Wetter oder Devisenkursen abhängig. Die klassische Familie, die drei Wochen Ferien sechs Monate im Voraus bucht, gibt es kaum noch. Die Digitalisierung hat auch uns erreicht. Vieles wurde automatisiert, was das Arbeiten an der Rezeption vereinfachte. Eine erfreulich hohe Zahl der Gäste schätzt allerdings

nach wie vor den persönlichen Kontakt und reserviert einfach, schnell und unkompliziert ein Zimmer per Telefon.

Worauf legen Sie in Ihrer Restauration besonderen Wert?
CWI:
Für uns ist ein sauberer und gepflegter, unkomplizierter Service ohne Brimborium und Schickimicki von zentraler Bedeutung. Gstaad ist eine Bühne, eine Erlebniswelt – aber unser Service darf nicht geschauspielert, sondern soll simpel und ehrlich sein.
NWI: Unsere Servicebrigade ist ein eingespieltes Team mit einigen langjährigen Mitarbeitenden, welche die Gäste und deren Bedürfnisse bestens kennen. Absolut unabdingbar sind Freundlichkeit, Kompetenz, Schnelligkeit und Verlässlichkeit.

Es gibt viele mäzengeführte Hotels in Gstaad, Ihres gehört nicht dazu. Worin liegen die Vorteile?
NWI:
Wir erarbeiten jeden Franken, den wir ausgeben können und müssen, sehr hart. Daher müssen Prioritäten klar gesetzt werden. Am Ende ist dafür auch die Wertschätzung höher.
CWI: Der Vorteil liegt ganz klar in der Freiheit, Entscheidungen unabhängig im Team treffen zu können. Als Inhaber einer Einzelfirma trage ich die ganze Verantwortung selber, bin dadurch aber auch näher an den Bedürfnissen der einheimischen Bevölkerung dran. Auf der anderen Seite könnte ich, würde ich das Hotel für einen Mäzen führen, die ganze Sache manchmal wohl etwas lockerer angehen.

Das Posthotel Rössli hat drei Sterne, fühlt man sich damit manchmal etwas verloren zwischen den grossen Vier- und Fünfsternhäusern in Gstaad?
CWI:
Ich höre oft, es sollte mehr Dreisternhotels geben. Die Frage ist, ab welcher Zimmeranzahl ein solches rentabel betrieben werden kann. Hundert? So ein grosses Hotel braucht viel Platz und ist mit hohen Baukosten verbunden. Wir sehen uns aber nicht in einer privilegierten Rolle, es ist kein wirklicher Vorteil. Es wäre allgemein wünschenswert, wenn nicht nur das obere Gästesegment angesprochen würde, wie dies in den letzten Jahren vermehrt der Fall war. Ich erlebe oft, dass Gäste erstaunt sind über unsere gemässigten Zimmerpreise. In den Köpfen der Menschen ist Gstaad ein teures Pflaster.

Wie viel kostet denn ein Zimmer im Posthotel Rössli?
CWI:
Es beginnt bei 160 Franken bis 380 Franken in der Hochsaison, wobei die Art des Zimmers eine Rolle spielt ist. Wir haben Standardzimmer, Superiorzimmer und Familien- sowie Doppelzimmer, aber keine Einzelzimmer.

Wie sieht es mit dem Rössligarten aus?
CWI:
Das ist ein trauriges Kapitel. Die dritte Generation hat ihn aus Gründen, die sich mir nie ganz erschlossen haben, veräussert. Leider auch, ohne dass der Erlös aus diesem Verkauf in die Kasse des Hotels geflossen ist. Ich möchte an dieser Stelle in aller Deutlichkeit darauf hinweisen, dass mein Bruder Lars und ich diesem Verkauf nie zugestimmt und uns selber daran auch nicht bereichert haben. Ich bereue sehr, dass es diese einst so wundervolle Oase mitten im Saanenland heute so nicht mehr gibt. Dieser Garten würde

heute einen unschätzbaren Mehrwert für unser Haus bedeuten.

Wer steigt im Rössli ab, wer sind Ihre Gäste?
CWI:
Das variiert je nach Jahreszeit. Stammgäste machen seit Jahrzehnten einen stabilen Anteil von rund 40 Prozent im Hotel aus. In unseren Restaurants treffen sich Einheimische, Chaletgäste und Tagestouristen. Wir sprechen bewusst alle Schichten an, nicht nur ein spezielles Gästesegment. Ausserdem sind wir ein hundefreundliches Familienhotel. Und wir haben Eventgäste, die eigens für das Beachvolleyball, das Tennis oder die Country Night zu uns kommen.

Das Posthotel war oder ist bekannt für seine Pauschalwochen. Läuft das noch?
CWI:
Wir kommen wieder auf die Buchungsplattformen zurück. Mit der Markteinführung von booking.com gingen die Nachfragen nach Pauschalwochen rapide zurück. Das geht vielen Hotels so. Haftungsansprüche bei Bergtouren, geführten Wanderungen oder Biketouren spielen ebenfalls eine Rolle. Der Individualgast hat den Pauschalbucher verdrängt. Entgegen dieses Trends erfahren jedoch aktuelle Pauschalangebote auf unserer Website vermehrten Zuspruch in diesem Jahr. Das spornt uns an, wieder mehr Päcklis zu schnüren, speziell hinsichtlich der anstehenden Jubiläumsangebote zum 175-jährigen Bestehen. Wir planen Pauschalangebote im September und Oktober in Zusammenarbeit mit dem Alpinzentrum Gstaad.

Sie haben einen Stammtisch, braucht es den noch?
NWI: Oh ja! Der ist einer unserer Grundpfeiler. An ihm sitzen treue Gäste und auch mal Durchreisende. Alle sind bei uns gerne gesehen. Wir machen keine Unterschiede und achten nicht darauf, wer was ist oder hat, sondern behandeln alle Gäste gleich. Die-

se Gleichbehandlung kommt gut an und wird insbesondere von jenen geschätzt, die das anders kennen.
CWI: Am Stammtisch findet sich stets eine lustige zusammengewürfelte Runde ein.

Spielen Vereine eine Rolle im Rössli?
CWI:
Auf jeden Fall. Derzeit ist das Rössli Stammlokal von zahlreichen Vereinen, welche die Bedeutung eines Stammlokals als Vereinsschaufenster kennen. Hier können sie sich in Form von Bildern und Schaukästen präsentieren, für sich werben und sich auf unserer Website verlinken. Unsere Gäste schauen sich diese Zeugnisse eines aktiven Dorflebens interessiert an. Treffen sich Vereine nach einem Anlass im Stammlokal, ermöglicht das anderen Gästen spannende Einblicke in bislang unbekannte Bräuche oder Sportarten. Offenbar verschwindet das Vereinsleben aber langsam aus dem Dorf, sie treffen sich vermehrt nur noch in ihren Clubhütten. Das ist sehr schade.

Was fehlt Ihrer Meinung nach im Saanenland?
CWI:
Eine funktionierende Bikeinfrastruktur. Ich sehe in dieser Sportart ein grosses Potenzial. Biketrails müssten ausgebaut, Bikekarten und Weidetüren verbessert und eventuell eine Bikeapp entwickelt werden. Sobald der Schnee bei uns weg ist, kann man Velofahren. Diese Möglichkeit sollte stärker genutzt werden. Wichtig wäre auch, dass die Belebung der Promenade auch in der Zwischensaison durch längere Öffnungszeiten der ansässigen Geschäfte gefördert würde.

Was gefällt Ihnen besonders gut am Saanenland?
CWI:
Die verschiedenen Täler, die unterschiedlichen Regionen und die Aufteilung der Berge. Kleinere Hügel vorne, dahinter schneebedeckte Berggipfel. Das ist wunderschön, unsere Natur ist sehr vielseitig.


ZUR PERSON

Der heutige 49-jährige Hotelier Conroy Widmer hat das Hotelgeschäft von der Pike auf gelernt. Nach seiner Kochlehre im Gstaad Palace und einer Wintersaison im Park Gstaad zog es ihn ins ferne Amerika, wo er mit einigen Unterbrüchen insgesamt vier Jahre in verschiedenen Restaurants arbeitete und nebenbei das Junioren-

programm der Skispringer leitete. In dieser Zeit organisierte er Trainingskurse, an denen auch Simon Ammann teilnahm. So feilte Conroy Widmer im Hintergrund an dessen Olympia-Doppelerfolgen mit, die er live im Kollegenkreis miterlebte. Dem Skispringen ist Conroy Widmer bis heute verbunden geblieben, denn im Restaurant Alti Poscht findet sich eine kleine Sammlung von Skisprungfotos.

1997 kam Conroy Widmer zurück nach Gstaad und absolvierte im Wissen darum, dass er dereinst das Posthotel Rössli übernehmen wird, die Hotelfachschule in Thun. Im Jahr 2002 wurde das Konzept Posthotel Rössli, so wie es heute dasteht, in die Wege geleitet und umgesetzt.

KEREM S. MAURER


Traditionell, aber nicht festgefahren

Küchenchef Werner von Allmen ist der dienstälteste Angestellte im Rössli. Er hatte in den 1970er-Jahren bereits die Kochlehre im ältesten Hotel Gstaads absolviert, bevor er 1992 zurückkam, um zu bleiben – bis heute. Er liebt die traditionelle Küche und hat sich mit speziellen Gerichten einen Namen gemacht.

Kalbskopf, Suuri Leberli, Kutteln, manchmal auch Kalbshirn. Neben Entrecotes, kaltem Roastbeef und Saiblingfilets kocht Werner von Allmen leidenschaftlich gerne Innereien. Auch spanische Nierli. «Ich esse solche Gerichte selber sehr gerne. Und ich habe gesehen, was für hervorragende Gerichte man aus sogenannt minderwertigen

Stücken kreieren kann», erzählt der Küchenchef, der seinen Beruf mit Leib und Seele lebt. Dass es ihm dabei nicht nur

um das Experimentieren mit Gerichten und deren Zubereitung geht, sondern auch um eine nachhaltige Verwertung des ganzen Tieres, wird deutlich, wenn der Koch über seine Berufung spricht.

Man braucht Kundschaft, die es schätzt
«Der Gast hat ein Recht darauf zu wissen, woher die Speisen auf seinem Teller stammen», ist Werner von Allmen überzeugt. Lokal produzierte Produkte seien nachhaltig und viele würden davon profitieren, schliesslich sollte man im Saanenland zueinander schauen. «Gstaad ist nur deshalb so gross geworden, weil unsere Eltern zusammengehalten haben», erklärt er und bedauert im selben Atemzug, dass dieser Ge-

danke offenbar langsam verloren geht. Nachhaltigkeit in der Küche bedeute auch, aus einem Lebensmittel viele verschiedene Gerichte zu kochen. Unlängst habe er ein ganzes einheimisches Yak von der Gelten gekauft, von dem nur gerade ein Viertel des Fleisches à la minute zubereitet werden kann. Den Rest habe er geschmort. «Wir verwenden jeden Teil des Tieres. ‹Nose to tail›, was bedeutet, dass jedes Stück eines Tieres von seiner Nase bis zum Schwanz verwendet wird, nehmen wir wörtlich.» Und dazu gehören auch die Innereien. Will man Innereien anbieten, braucht man eine Kundschaft, die das mag. «Wir haben Gäste, die kommen nur wegen dieser Gerichte zu uns», weiss er und hält fest, dass ihn das Handwerk rund um die Zuberei-

tung von Innereien genauso fasziniert wie der Genuss derselben. Die Verwertung des ganzen Tieres habe allerdings nicht nur mit dem Nachhaltigkeitsgedanken zu tun, sondern auch mit Respekt dem Tier und dem Leben gegenüber sowie mit der Verminderung von Foodwaste, wie das Verschwenden von Lebensmitteln genannt wird.

Bewusster Fleischkonsum
«Wir sind im Rössli sehr traditionell, aber nicht festgefahren», betont der Küchenchef. Er überlegt, wohin die Reise der Rössliküche in Zukunft führt. Man sei ein Traditionsbetrieb, viel könne man nicht verändern. Der Trend führe hin zu kleineren Portionen, schliesslich sei es sinnvoller, Nachschlag zu bestellen, als halbe Gerichte

wegzuschmeissen. Ebenso dürfte die Entwicklung zu mehr vegetarischen Angeboten führen. Vollständig auf Fleisch zu verzichten ist laut von Allmen nicht notwendig, aber ein bewussterer Fleischkonsum wünschenswert. Apropos Tradition: In nächster Zukunft werden im Rössli anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten typische alte Saaner Gerichte aufgetischt. Dazu gehören Hamme mit Saanensenf, Suure Mocke und Mehlrost, sicher auch Nachet, ein geräucherter Alpziger, der nur leicht gesalzen wird, ohne irgendwelchen Gewürze und der nur während der Alpzeit erhältlich ist.

Perfektes Arbeitsklima
Dass Werner von Allmen seinen Beruf liebt, dürfte jedem klar werden, der mit

ihm darüber spricht. Doch nur deshalb kehrt man kaum in den Lehrbetrieb zurück und bleibt drei Jahrzehnte dort. Was hält einen solange am selben Ort? «Das perfekte Arbeitsklima!», sagt von Allmen spontan, um dann etwas weiter auszuholen. Er habe das Glück gehabt, im Rössli seine Küchenbrigade selber zusammenstellen zu können. Sein Team arbeite fantastisch zusammen, funktioniere tadellos. Dazu komme der Luxus eines zehnminütigen Spaziergangs von zu Hause ins Geschäft und natürlich die Herausforderungen, zu kochen, was ihm selber schmeckt und Spass macht.

Zum Jubiläum am Sonntag, 4. Oktober ab 14.00 Uhr: Tag der offenen Türe mit Führungen in kleinen Gruppen durchs Posthotel Rössli Gstaad mit anschliessender Weindegustation. www.posthotelroessli.ch


Krisen, Kriege und Konkurse – ein Rückblick

175 Jahre sind eine lange Zeit. Krisen, Kriege und Konkurse hatten das Posthotel Rössli während der ersten 100 Jahre seines Bestehens geschüttelt, bevor die letzten 75 Jahre etwas ruhiger verliefen. Im Jahr 2022 feiert die Familie Widmer ihr 100-jähriges Bestehen als Posthotel-Rössli-Familie.

Laut Eintragungen in den Grundbüchern war am 31. des Herbstmonats (damit könnte der Oktober gemeint sein) im Jahr 1825 ein gewisser Johannes Mezenen als Eigentümer des Gebäudes eingetragen. Ob Mezenen bereits als Gastgeber fungierte, ist nicht überliefert. 1844 übernahm Bendicht Mezenen, ein Wirt aus Gstaad, das Haus und ab 1845 beginnt die Geschichte des Rösslis offiziell als Gasthaus. Das sind heuer genau 175 Jahre. Grund genug, einen Blick auf die Geschichte des ältesten Gasthofs von Gstaad zu werfen.

6 Franken 20 Rappen
Franz Würsten hat – mit geschichtlichen Ergänzungen von Gottfried von

Siebenthal – die Geschichte des Posthotels Rössli in der Broschüre «150 Jahre Posthotel Rössli Gstaad» ausführlich aufgerollt. Demnach war das Rössli «während Jahrzehnten das einzige Gasthaus am Gstaad». Mit eindrücklichen Beispielen werden Hochs und Tiefs, welche das Gasthaus im Lauf der Zeit durchlebt und überstanden hat, beschrieben. So betrug beispielsweise ein Tagesumsatz während der Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren gerade mal 6 Franken 20 Rappen. Für diesen Betrag kriegt man im Rössli heute, nach einem suchenden Blick auf die aktuelle Getränkekarte, einen Deziliter spanischen Rotwein. Die Zeiten haben sich geändert.

Harte Zeiten, viele Wechsel – bis die
Widmers kamen

Die Zeiten waren hart, nicht alle Wirte wirteten erfolgreich. Nach dem Tod des ersten Rössliwirts Bendicht Mezenen erbten dessen Söhne Christian und Bendicht das Haus. Bendicht verstarb kinderlos, worauf das Rössli

1852 an den Bruder von Christians

Frau, Johann Ludwig Zingre, zum Preis von umgerechnet rund 6000 Franken verkauft wurde. Er war Wirt, Gemeindeschreiber und Amtsgerichtsweibel.
1855 wurde in einer Ecke des Rössli

eine Postablage eingerichtet, gegen eine Gebühr von 20 Franken pro Jahr. Nach Johann Ludwig Zingres Tod wurde seine Witwe Maria Zingre-Bach neue und erste weibliche Besitzerin.
1862 konnte man in einem Artikel im

«Neuen vollständigen Ortslexikon der Schweiz» den Namn des Hauses als «Weisses Rössli» lesen.
1870 verkaufte Maria Zingre-Bach das

Haus an Wirt Peter Sulzer für 17’500 Franken, der das Haus erfolglos führte.
1878 kam das Rössli zum ersten Mal

unter den Hammer. Weinhändler und Nationalrat Louis Mayor-Vautier aus Clarens ersteigerte es für 15’000 Franken und

verkaufte es noch im selben Jahr an den Wirt Eduard Sulzer für 24’500 Franken, mit stattlichem Gewinn.
1884 folgte die zweite Versteigerung.

Samuel Reuteler aus dem Turbach ersteigerte das Haus für 20’750 Franken. Er war kein Wirt, das Haus blieb einige Jahre geschlossen.
1898 wurde das Rössli vom grossen

Brand verschont.
1900 heiratete Samuel Reutelers Toch-

ter den Hotelier Johannes (Hans) Reuteler, der das Haus im selben Jahr für 31’000 Franken erwarb. 1903 erhöhte Hans Reuteler das Haus

um ein Stockwerk, was die Abänderung des Daches in seine heutige Form bewirkte.
1910 erwarb der Hotelier Arthur Rin-

gier das Rössli von Hans Reuteler. Ein Kaufpreis wurde nicht genannt.
1922 kaufte Erwin Ammon-Hofer, der

Urgrossvater des heutigen Besitzers, das Hotel und führte es bis

zu seinem Tod. Trotz zwei Weltkriegen, die während seiner Zeit Europa erschütterten, schuf er ein renommiertes Etablissement. 1922 bis 1944 führten Erwin und Anna

Ammon-Hofer das Hotel.
1945 erbte seine Tochter
Widmer-Ammon das Rössli und führte es mit Max.
1973 verstarb Süsi Widmer-Ammons

Ehemann Max Widmer, worauf sie das Haus an ihren Sohn Rudolf Widmer abtrat.
1974 bis 1989 lenkten Ruedi und Eri-

ka Widmer die Geschicke des
Posthotels.
1989 bis 2008 wurde das Haus von

Ruedi und Eliane Widmer-Spätig geführt.
2008 übernahmen Rudolf Widmers

Söhne Conroy und Lars das Posthotel Rössli und führten es zusammen bis zum Tod von Lars Widmer im Jahr 2017.
Ab 2017 bis heute führt Conroy Widmer zusammen mit Nadja Widmer das Posthotel Rössli.

 

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