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«Ob wir die Ziele erreichen werden, ist keine Frage der Physik, sondern unsere Entscheidung»

Fr, 27. Nov. 2020
Reto Knutti arbeitet und forscht an der ETH in Zürich. FOTOS: MANUEL RICKENBACHER

Klimaphysiker Reto Knutti stellt die heutige Lebensweise in Frage. Er sagt, nur wenn alle Register gezogen würden, könne der Klimawandel gestoppt werden.

BLANCA BURRI

Sie sind in Saanen zur Welt gekommen und haben die ersten Jahre in Gstaad als Sohn eines Primarlehrers verbracht. An was erinnern Sie sich?
An vieles! An Menschen, die ich schätze, eine eindrückliche Landschaft, ein damals noch beschauliches Dorf, unser grosses Iglu im Garten und meine erste Fahrt zu dritt auf dem Wispile-Bügellift.

Weshalb kehren Sie heute regelmässig ins Saanenland zurück?
Wegen dem Käse von Markus Romang im Turbach (lacht). Nein, ich liebe die Berge. Wir sind oft in einer Alphütte im Turbach und fahren am Wasserngrat Ski. Die Kinder wollen die Kälber im Stall besuchen. Die einsame Natur abseits vom Geld und Glimmer von Gstaad bedeutet mir und der ganzen Familie sehr viel.

Als Klimaphysiker können Sie uns bestimmt Auskunft über die Chancen geben, ob die CO2-Neutralität auf der Erde erreicht wird?
Um die Klimaziele von Paris zu erreichen, die die Schweiz auch ratifiziert hat, müssen wir spätestens bis 2050 unser Ziel «Netto Null CO2» erreichen. Also keine fossilen Emissionen mehr. Die Emissionen, die nicht vermeidbar sind, müssen wieder aus der Luft entfernt werden. Die technischen Möglichkeiten für diese Dekarbonisierung gibt es zum Teil heute schon.

Das wird einiges kosten …
Die Kosten sind langfristig kleiner, als wenn wir nichts tun und später für alles, was schiefgegangen ist, bezahlen. Genau gleich übrigens wie bei Corona. Leider gibt es ein Problem: Der politische und gesellschaftliche Wille dies voranzutreiben, ist ungenügend. Viele denken zu kurzfristig und zu egoistisch, dabei gibt es viel mehr Chancen als Hürden. Ob wir die Ziele erreichen werden, ist keine Frage der Physik, sondern unsere Entscheidung.

Die USA «verleugnen» die Klimaerwärmung noch immer. Wie gehen Sie mit dieser Haltung um?
Es sind nur Teile der USA, welche die Klimaerwärmung verleugnen. Aber auch hierzulande wollen viele die Fakten nicht akzeptieren. Auch in Bergregionen, die eigentlich heute schon besonders vom Klimawandel betroffen sind. Aber das Problem steckt nicht in den Fakten des Klimawandels, sondern in der Tatsache, dass die vorgeschlagenen Massnahmen der politischen Ideologie widersprechen, die einen minimalen Staat, kaum Steuern und totalen Individualismus fordert. Fakt ist, dass die Eigenverantwortung und der Markt noch kein Umweltproblem gelöst haben. Für Abfallmissstände, Abwasserverschmutzung, Luftverschmutzung bis zum Ozonloch beispielsweise brauchte es immer gesetzliche Vorgaben. Das gilt auch für Corona. Die Politik muss gewisse Rahmenbedingungen setzen, an die sich alle halten. Wie diese genau aussehen, das kann man durchaus debattieren.

Was sagen Sie zum in Bundesbern beschlossenen CO2-Gesetz?
Wir brauchen das Gesetz, es ist ein erster Schritt und enthält viele wichtige Elemente. Aber die Zahlen sind noch zu wenig ambitioniert, denn die Zeitspanne geht nicht über 2030 hinaus und Elemente wie der Finanzplatz sind ausgeklammert. Es braucht dringend weitere Schritte, denn wir sind – wie fast alle Länder – noch nicht auf Kurs.

Die Klimajugend stellte seine Zelte auf dem Bundesplatz auf. Sind Aktionen wie diese zum Nutzen oder Schaden für die politische Diskussion?
Welche Aktionen gerechtfertigt sind oder nicht, kann man diskutieren. Die jungen Menschen haben die Fakten zum Klima verstanden und es ist absolut gerechtfertigt, dass sie die Zukunft mitgestalten wollen. Ab und zu ist es nötig, die Gesellschaft wachzurütteln und der Klimastreik hat die öffentliche und politische Diskussion geprägt. Aber aus meiner Sicht lösen wir die Probleme am Schluss nur, wenn wir aufeinander zugehen. Und die demokratischen Prozesse müssen eingehalten werden, damit dieser Weg von der Gesellschaft mitgetragen wird.

In gewissen Ländern ist das Wissen und die Erfahrung über umweltfreundliche Technologien enorm hoch. Inwieweit wird es in Schwellenländer transferiert und beschleunigt so den Prozess positiv?
Wenn die Schwellenländer nicht die gleichen Fehler machen wie wir, dann wird das den Wandel ins Positive beschleunigen. Aber wir müssen sie dabei unterstützen. Klimawandel ist real und betrifft uns hier und jetzt. Aber Klimawandel ist nicht nur Schneemangel und trockene Alpweiden. Wir sind beispielsweise mit Lieferketten, Export oder internationaler Kundschaft aus Sicht der Wertschöpfung zum Beispiel im Tourismus extrem abhängig vom Ausland. Der Horizont bei den Lösungen für den Klimawandel kann damit nicht der Giferspitz sein.

Die essenziellen Klima-Changemaker sind wahrscheinlich die Besitzer der Grosskonzerne, sprich die Aktionäre. Inwieweit hat sich die Einstellung der Grossanleger in den vergangenen Jahren verändert?
Es sind nicht nur die Grosskonzerne und Aktionäre. Jede und jeder kann in seinen persönlichen Entscheidungen viel beitragen! Wir wussten noch nie so viel über den Klimawandel und wie wir ihn stoppen können wie heute. Die Wirtschaft hat in weiten Teilen ihre Sicht geändert, weil sie die Chancen einer Neuausrichtung erkannt hat. Einfluss auf das Umdenken haben direkte Risiken wie Wetterextreme genommen, aber auch indirekte wie eine Abgabe auf den CO2-Ausstoss oder das Kundenverhalten wie ein Shitstorm, wenn sich die Grosskonzerne nicht mit dem Thema auseinandersetzen. Ebenso gehören rechtliche Fragen in diese Kategorie. In der Zwischenzeit sind Umwelt, Klima und Nachhaltigkeit bei den Unternehmen von einer Birkenstock-Ideologie zur handfesten ökonomischen Realität geworden. Dieser Wandel ist offensichtlich.

The Alpina Gstaad organisiert Nachhaltigkeitsworkshops für Entscheidungsträger. Wie bewerten Sie diese?
Das Saanenland erstaunt mich auch nach Jahrzehnten noch. Einerseits in Abstimmungen konservativ wie ein Bauerndorf, und gleichzeitig weltoffen und innovativ. Über einzelne Aktivitäten weiss ich zu wenig, aber es ist wichtig und spannend, dass es auch hier immer mehr Menschen gibt, die die Zeichen erkannt haben und vorwärtsgehen. Wir haben keine andere Wahl. Ich bin überzeugt: den Letzten beissen die Hunde.

Um einen nachhaltigen Wandel zu erreichen, müssen wir unseren Verbrauch senken oder reicht der Einsatz von konsequent umweltschonenden Verfahren in der Industrie und im privaten Gebrauch?
Es gibt nicht eine Technologie oder Massnahme, die uns rettet. Es braucht eine Vielzahl. Weg von Ölheizungen und Verbrennungsmotoren, mehr Wärmedämmung und Energieeffizienz sind absolut zwingend und heute schon möglich. Aber in Bereichen, wo es kaum CO2-freie Alternativen gibt, wie beim Fliegen oder der Ernährung, aber auch beim Konsum, dort braucht es auch Verhaltensänderungen. Wir leben auf zu grossem Fuss.

Was können wir im Saanenland konkret tun, im Bezug auf den hohen Energieverbrauch, ich denke da an die die Privatpools, die Fliegerei, die Eisbahn, das Sportzentrum oder die Schneeproduktion.
In erster Linie müssen wir dafür sorgen, dass unsere Energie sauber hergestellt wird, also erneuerbare Energie fördern. Zusätzlich müssen wir effizient mit Energie und Ressourcen umgehen. Gleichzeitig müssen wir hinterfragen, was wirklich nötig und wichtig ist. Kommen die Gäste wegen der teuren Infrastruktur oder wegen der intakten Natur? Und werden diejenigen, die heute für das Klima streiken, in zehn Jahren als Gäste die gleichen Erwartungen an das Saanenland haben wie diejenigen, die heute mit Geld um sich werfen? Schwierige Fragen, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt. Umso wichtiger, dass man sie diskutiert und gemeinsam vorausschauend die Zukunft dieser Region gestaltet. Es wird spannend sein in ein paar Jahrzehnten zurückzuschauen.

 

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