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Ab nächstem Sommer gibt es Frühdeutsch für Dreijährige

Fr, 27. Nov. 2020
Frühdeutsch für Kinder mit Migrationshintergrund in Spielgruppen, Kitas und bei den Tageseltern. SYMBOLBILD: ADOBE STOCK

Drei von vier Kindern mit Deutsch als Zweitsprache haben bei Kindergarteneintritt einen Sprachförderbedarf. Nun handelt die Gemeinde.

BLANCA BURRI
Der Anteil der ausländischen Staatsangehörigen in der Gemeinde Saanen liegt bei 30,2 Prozent. Viele von ihnen haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Portugiesische Migranten gibt es besonders viele, ihre Mitarbeit in der Hotellerie, im Gastgewerbe und im Baugewerbe wird sehr geschätzt. Neben den kulturellen Unterschieden gilt die Sprache als besonderes Hindernis für die Integration. «In den vergangenen Jahren haben Lehrpersonen oft über die Schwierigkeit der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund berichtet», sagt Béatrice Baeriswyl, Fachleiterin Soziales der Gemeinde Saanen. Die Analyse hat ergeben, dass drei von vier fremdsprachigen Kindern bei Kindergarteneintritt zu wenig Deutsch können, deshalb setzt die Gemeinde nun Massnahmen um. Ab kommendem Sommer ist die frühe Sprachförderung obligatorisch.

Bedarfsabklärung und Unterstützung
Das Obligatorium gilt für Kinder, welche einen Deutschförderbedarf haben. Um dies zu beurteilen, müssen alle Eltern 18 Monate vor Kindergarteneintritt einen Fragebogen ausfüllen. Allen Eltern mit Migrationshintergrund kommt man mit einer Übersetzung entgegen. Da im System der Einwohnerkontrolle die Muttersprache aller Bewohner hinterlegt ist, ist das ein einfacher Schritt. Wird bei einem Kind ein Förderbedarf festgestellt, muss es während mindestens 38 Wochen zwei halbe Tage in eine Spielgruppe, eine Kindertagesstätte oder eine deutschsprachige Tagesfamilie. Ziel ist es, dass 80 Prozent der Kinder mit Deutsch als Zweitsprache bei Kindergarteneintritt den sprachlichen Anforderungen genügen.

Noch nicht genug Plätze
Um dieses Massnahme umzusetzen, gibt es momentan noch zu wenige Kita-, Spielgruppen- und Tagesfamilienplätze, hat die Gemeinde festgestellt. «Einzelne Kinder werden bereits heute nach Zweisimmen gebracht, weil es im Saanenland zu wenige Kitaplätze gibt», bedauert Béatrice Baeriswyl. Deshalb sucht sie weitere Lösungen. Eine Sensibilisierungskampagne soll helfen, dass weitere Angebote entstehen. Die Gemeinde sucht konkret mehr Tageseltern und Spielgruppenleiterinnen und -leiter. Auch das Kitaangebot soll ausgebaut werden. Béatrice Baeriswyl: «Wir hoffen, dass das Angebot bis im Sommer steht.»

Im Rahmen der Frühförderung Deutsch arbeitet die Gemeinde einen Leistungsvertrag mit den Anbietern aus. Dabei hat ein wertvoller Austausch mit Spielgruppenleiterinnen begonnen. «Dieser wertschätzende Austausch soll gefestigt werden», ist Baeriswyls Anspruch.

Welche Kosten kommen auf die Eltern zu?
Damit die Eltern das Angebot bezahlen können, werden sie von der Gemeinde unterstützt. Die Betreuungsgutscheine für Kita- und Tageselternplätze werden weiterhin wie gewohnt an die Familien mit Kleinkindern abgegeben. Die Spielgruppenplätze werden im Fall eines Obligatoriums zu 80 Prozent von der Gemeinde bezahlt. Den Rest übernehmen die Eltern. «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ein gutes Angebot auch etwas kosten muss, damit es geschätzt wird», begründet die Fachleiterin Soziales. Im Sinne der Gleichbehandlung werden auch Familien mit geringem Einkommen, deren Kinder die Spielgruppen besuchen, finanziell unterstützt.

Ist die Förderung notwendig?
Wie erwähnt, hat die Bedarfsanalyse, welche die Gemeinde Saanen durchgeführt hat, ergeben, dass drei von vier Kindern beim Eintritt in den Kindergarten zu wenig Deutsch können. Daraus geht auch hervor, dass in den Jahren 2018 bis 2020 im Durchschnitt jeweils 50 Kindergartenkinder eingeschrieben wurden. 16 davon hatten Deutsch als Zweitsprache, 11 von ihnen mit wenigen oder keinen Deutschkenntnissen. Die Aussagen der Lehrpersonen, der Mitarbeitenden der Kitas, der Mütter- und Väterberatung und der weiteren Fachpersonen stützen diese Zahlen. 93 Prozent der Befragten beurteilen den Deutschförderungsbedarf vor dem Kindergarteneintritt als hoch bis sehr hoch. Ebenfalls erwünscht ist laut Umfrage ein selektives Obligatorium. Das nun ausgearbeitete Förderprogramm für Frühdeutsch basiert auf einem bereits bestehenden Modell im Kanton Basel- -Stadt. Eine Vielzahl von weiteren Gemeinden in der Schweiz arbeiten ebenfalls mit diesem Modell. «Saanen ist eine sehr kleine Gemeinde, wir profitieren vom Austausch mit den anderen Gemeinden deshalb besonders stark», hält Béatrice Baeriswyl fest. Die Auswertung erfolgt durch die Uni Basel. Die Pilotphase läuft bis 2023. Die Gemeinde lässt sich dieses Integrationsprojekt während der Pilotphase 127’000 Franken kosten.

Nachhaltigkeit ist die Zauberformel
Mit der Frühdeutschförderung schaut die Gemeinde in die Zukunft. Das kurzfristige Ziel ist die Erleichterung des Kindergarten- und Schuleintritts sowie die Integration und Chancengleichheit der Kinder und die Entlastung der Lehrpersonen. Mittelfristig hofft die Gemeinde, den Kindern einen fairen Start ins Berufsleben zu bieten. «Wer gut Deutsch spricht, hat reale Chancen auf eine gute Berufslehre», sagt Béatrice Baeriswyl. Damit wird ein Samen gegen den Fachkräftemangel im Saanenland gestreut, wie sie betont.


INTEGRATIONSKONZEPT

Ende 2018 fand ein Austausch zwischen der vorwiegend portugiesischen Bevölkerung und der Gemeinde auf Initiative der röm.-kath. Kirche Gstaad statt. Er gilt als Startschuss für das Integrationskonzept, das der Gemeinderat im August 2019 genehmigte. Darin werden die Handlungsfelder beschrieben: Bildung und Ausbildung, Kommunikation und Kontakt, Wohn- und Lebensraum, Kultur und Religion, Gesundheit sowie Arbeit. Die Hauptleitsätze lauten: Die Gemeinde pflegt eine Willkommenskultur und unterstützt die ausländische Bevölkerung, sich zurechtzufinden. Die Mitwirkung der ausländischen Bevölkerung wird gefördert und gefordert. Die Gemeinde steuert die Integrationsprozesse, welche eine grösstmögliche Eigenverantwortung anstreben. Das Projekt Frühförderung Deutsch Saanen basiert auf diesem Integrationskonzept.

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Kommentare

Um allen SchülernInnen die gleichen Chancen zu geben, ist dieser Entscheid nichts als richtig. Wie soll eine Lehrperson den Kindern gerecht werden, wenn ein Grossteil einer Schulklasse kaum die Sprache spricht...?? Für mich geht das Thema aber noch weiter! Genau wie die Kinder, müssen auch deren Eltern in die Pflicht genommen werden und an diesen Deutschunterricht teilnehmen. Wie sonst wollen sie den Kindern helfen, an Schulanlässen-, Elternabenden-, Elterngesprächen etc. teilzunehmen? Ein bisschen Integration muss auch von dieser Seite kommen! Die Lehrpersonen denke ich haben schon mit genug anderem "zu kämpfen" als auch noch mit solch hohen sprachlichen Hürden... Ein solche Beispielfamilie wohnt unweit von mir. Und nein, Rassismus hat in meinem Leben keinen Platz, aber Integration. Hoffe die Gemiende lässt sich in dieser Hinsicht auch noch etwas einfallen. Dasselbe auch bezüglich der Finanzierung dieses Unterrichtes. Eigebtlich würde hier das Verursacherprinzip zum Zuge kommen, und nicht die Milchkuh Steuerzahler....

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