Haare spenden für Krebskranke

Di, 17. Nov. 2020
Von links: Jessica Huber, Daniela Huber und Larissa Hunziker vor ihrer Haarspende …

Wenn Krebspatienten im Verlauf einer Chemotherapie Haarausfall bekommen, beeinträchtigt dies oft ihre Selbstsicherheit. Eine Antwort darauf sind Echthaarperücken, die aus Haarspenden gefertigt werden. Zu diesem Zweck haben sich drei Schwestern in Gstaad getroffen und sich von einem guten Stück ihrer Haare getrennt.

NADINE HAGER
Obwohl wir es uns kaum bewusst sind: Unsere Haare sind für das äussere Auftreten von grosser Bedeutung und bestimmen mit, ob wir uns wohlfühlen in unserer Haut. Krebspatienten wird dies oft unangenehm bewusst, wenn sie durch Chemotherapie nicht nur eine Ausdünnung ihrer Haare, sondern auch deren Ausfall mitansehen müssen – bis zu dem Punkt, an dem sie sich gezwungen fühlen, diese ganz abzurasieren. Die drei Schwestern Daniela und Jessica Huber sowie Larissa Hunziker haben sich vergangenen Samstag ihre Haare kurz geschnitten, um Menschen, die ihre Haare während der Chemotherapie verloren haben, eine natürliche Lösung zu ermöglichen: Die abgeschnittenen Zöpfe werden zu Echthaarperücken für Krebskranke verarbeitet.

Haare für Selbstsicherheit
«Unsere Mutter hatte Krebs», begründete Daniela Huber die Haarspendeaktion auch im Namen ihrer beiden Schwestern. «Sie legte nicht wahnsinnig grossen Wert auf ihre Haare – aber trotzdem nahm sie ihr Haarausfall durch die Chemotherapie extrem mit. Sie wollte nicht, dass jeder ihr die Krankheit ansieht.» Besonders schwer sei es ihr gefallen, sich die Haare letzten Endes ganz abzurasieren. «Sie hatte Angst, dass man sie dann dauernd auf die Krankheit anspricht», so Jessica Huber. Die Mutter der drei ist mittlerweile wieder gesund – doch ihr damaliger Entscheid, eine Perücke zu tragen, hat ihre drei Töchter inspiriert. Als sich dann auch noch eine Kollegin von Jessica Huber und Larissa Hunziker für eine Haarspende für Menschen mit sogenanntem kreisrundem Haarausfall entschied, war die Sache klar: Die drei Schwestern beschlossen, die Herstellung von Echthaarperücken selbst zu unterstützen. Deshalb trafen sie sich im «Hair & Nails by Damaris & Daniela» in Gstaad – Larissa Hunziker und Jessica Huber reisten eigens hierfür aus Basel an. Das Coiffeurstudio gehört neben Daniela Huber auch Damaris Hefti. Bei der Haarspende stellten die beiden Coiffeusen ihre Teamarbeit unter Beweis und sorgten nach dem Abschneiden der Zöpfe für schöne Haarschnitte.

25 Zentimeter – so viel?
Perücken für Chemotherapiepatientinnen und -patienten gibt es sowohl aus Kunsthaar als auch aus Echthaar. Während visuell kaum ein Unterschied zwischen den beiden Perückentypen zu sehen ist, bietet eine Echthaarperücke mehr Spielraum für Frisuren und ist deshalb trotz höherer Preisklasse beliebt. Echthaarperücken werden von professionellen Perückenmachern aus gespendeten Haarzöpfen hergestellt: Diese müssen mindestens 25 Zentimeter lang sein.

Die drei Schwestern sahen zwar einen kleinen Wermutstropfen darin, sich von ihrem langen Haar zu trennen – von ihrem Vorhaben abzubringen waren sie jedoch nicht. Besonders Daniela Huber hatte für sich bereits im Vorfeld alle Zweifel ausgeräumt: «Ich habe von Natur aus volle und gesunde Haare. Es kostet mich ein Lächeln, diese an jene zu spenden, die sie dringend brauchen!» Anders als ihre beiden Schwestern entschied sie sich auch dagegen, ihre Haare nur auf Schulterlänge zurückzuschneiden. «Ich setze auf eine Kurzhaarfrisur. Das hatte ich noch nie und wenn ich schon spende, dann kann ich auch viel geben!»

Ab damit
Für diese Spende hatten die drei ihre Haare eineinhalb bis zweieinhalb Jahre wachsen lassen. Der emotional bedenklichste Teil der Spende war dann kurz und schmerzlos: Lange Zöpfe binden, ein paar Schnitte und schon waren die Haare ab. Daraus wieder einen Haarschnitt zu machen, dauerte deutlich länger. Daniela Huber half Damaris Hefti dabei, ihre beiden Schwestern neu zu frisieren, bevor sie sich selbst hinsetzte und sich von ihrer Geschäftskollegin eine Kurzhaarfrisur schneiden liess. Am Ende standen die drei Schwestern in ganz neuem Look vor den Spiegeln des Coiffeursalons – und gefielen sich ebenso gut, wenn nicht sogar besser als zuvor. Larissa Hunziker glaubte vor dem Haareschneiden, dass ihr etwas fehlen werde. Danach jedoch fühlte sie sich wohl: «Es macht mir total Freude, meine Haare wegzugeben. Erstens wachsen sie wieder nach und zweitens fühle ich mich jetzt auch leichter als zuvor.» Die Frage, wie das Umfeld reagieren wird, steht für die Frauen dennoch im Raum: Würden die eigenen Kinder sie wiedererkennen? Würde der Partner einen überhaupt noch ins Haus lassen? Die Schwestern lachen darüber: Es sei schon verrückt, welchen Stellenwert die Haare hätten.

Professionelle Perückenwerkstatt
Der nächste Schritt nach dem Zopfflechten der abgeschnittenen Haare ist es, die Zöpfe in ein Kuvert zu stecken und nach Arbon (Thurgau) zu versenden: Dort hat Daniela Huber die Maskenwerkstatt Schweiz entdeckt, welche unter anderem Echthaarperücken anfertigt. Die Wahl des Perückenmachers war gar nicht so einfach: «Ursprünglich wollten wir unsere Haare an jemand anderen senden, doch dieser Perückenmacher arbeitet zurzeit nur mit grauem und kürzerem Haar», so Daniela Huber. Da für eine Perücke rund fünf Haarspenden benötigt werden, müssen verschiedene Spenden kombiniert werden – dem Perückenmacher bleibt in der Annahme von Haaren wenig Flexibilität. Vielleicht aber hat die Coiffeuse auch für diesen Perückenmacher noch eine Spende: Als sie nämlich einer Kundin von ihrer Haarspende erzählt hat, hat ihr diese einen alten grauen Zopf von sich gebracht, den sie einmal abgeschnitten und aufbewahrt hatte. «Haare, welche trocken gelagert werden, bleiben gesund und für Spenden geeignet», erklärte Daniela Huber begeistert.

Der Wunsch, etwas zu bewegen
Mit dem Haarzopf, den Daniela Huber von ihrer Kundin geschenkt bekommen hat, haben es die drei Schwestern aus Basel bereits geschafft, mit ihrer Aktion andere Menschen zu inspirieren. Bis sie selbst wieder werden spenden können, dauert es jetzt zwar ein paar Jahre – trotzdem können sie sich vorstellen, sich in der Zwischenzeit weiter für Haarspenden einzusetzen. Daniela Huber: «Wir haben jetzt Erfahrung. Damaris Hefti und ich überlegen uns, im Hair & Nails by Damaris & Daniela einen Tag im Jahr einzuführen, an dem wir Menschen, die eine Spende tätigen wollen, die Haare schneiden.» So kann dieser Funke der Inspiration vielleicht weitergegeben werden – und Menschen, die ihre eigenen Haare verloren haben, neue Selbstsicherheit geben.

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