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Gemeinsam für eine starke Palliative Care im Saanenland und Simmental

Fr, 18. Dez. 2020
Eine starke Zusammenarbeit von verschiedenen Arbeitsgruppen mit dem gleichen Ziel: der Verbesserung der Palliativpfl ege in der Region. In jeder Projektuntergruppe treffen sich jeweils an die 10 Personen regelmässig. Alle Beteiligten setzen sich für eine überinstitutionelle Koordination von Ärzten, Pfl egepersonal, Spitälern, Spitex, Pfl egeheimen und Organisationen zur Palliativpfl ege ein. Gelingen kann ihr Einsatz aber letztendlich nur, wenn sich auch freiwillige Helfer bereit erklären, das gesellschaftlich wertvolle Hilfsprojekt mitzuunterstützen. GRAFIK: SUSANNE KAISER, AVS

Durch das neue Projekt «Aufbau spezialisierte Palliative Care GSS» soll kranken Menschen bis ans Lebensende ermöglicht werden, möglichst am Ort ihrer Wahl verbleiben zu können. Gleichzeitig sollen die Angehörigen bestmöglich entlastet werden.

3 ZIELE HAT DIE PROJEKTGRUPPE:

Die Freiwilligenarbeit für die Entlastung von Angehörigen und die Sterbebegleitung ausbauen.

Eine interprofessionelle und überinstitutionelle Vernetzung fördern, etwa zwischen medizinischer Versorgung und Seelsorge.

Eine spezialisierte Palliative Care aufbauen.

So formuliert es der Träger der Projektarbeiten, das Palliative Care-Netzwerk Region Thun, in einer Pressemitteilung. Aber wie können diese Ziele erreicht werden?

Entlastung Angehöriger und Sterbebegleitung
Ein wichtiger Schritt zur Realisierung dieser Ziele ist ein Kurs, der ab Februar 2021 stattfindet. Darin können Angehörige, interessierte Personen und zukünftige Freiwillige lernen, wie sie Menschen mit einer schweren oder fortgeschrittenen Krankheit unterstützen und am Lebensende begleiten können. Das Thema ist komplex, daher geht es auch im Kurs nur bedingt um medizinisch-pflegerische Aspekte wie Schmerzlinderung. Vielmehr werden alle Aspekte der Begleitung eines Schwerkranken bzw. Sterbenden miteinbezogen, also auch verbale und nonverbale Kommunikation, ethische und rechtliche Aspekte oder auch der Umgang mit den eigenen Belastungsgrenzen oder der eigenen Trauer.

Gibt es freiwillige Helfer in der Region?
Vor allem der Ausbildung von künftigen freiwilligen Helfern kommt eine grosse Bedeutung zu. Sie betreuen stundenweise ältere, kranke und sterbende Menschen – damit die Angehörigen neue Kraft tanken können. Bereits seit 1997 können sich Freiwillige bei Pro-Viva melden, das dem Spitexverein Saanenland eingegliedert ist und in der Anfangszeit noch Spitalexterne Palliativgruppe hiess. Für das Simmental wurde Anfang 2020 in St. Stephan die Aussenstelle der «beocare – Entlastung Angehörige SRK» eröffnet. Diese arbeitet mit der Spitex Obersimmental zusammen und auch dort können sich freiwillige Helfer melden. «Wir haben im Saanenland glücklicherweise schon früh Freiwillige gehabt, die in Lehrgängen geschult und von Mitarbeitern der Spitex engmaschig betreut wurden», informiert die Initiantin und Leiterin von ProViva, Dr. med. Claudia Sollberger. «Der geplante Lehrgang 2021 und die Projektarbeit sind ein wichtiger Schritt, um die Freiwilligenarbeit in beiden Regionen, Simmental und Saanenland, zu fördern und auch zu koordinieren.»

Der Kurs ist ein Gemeinschaftswerk des Schweizerischen Roten Kreuzes, der ProViva, der reformierten Kirchgemeinde Zweisimmen und der katholischen Kirche, die den Kurs auch so weit finanziell unterstützen, dass der Lernwillige nur einen fast symbolischen Kursbeitrag zu entrichten hat.

Die Spiritualität in der Palliative Care
Die spirituelle Begleitung ist in der Palliative Care ein wichtiger Bestandteil des interprofessionellen Begleitungsteams. Zur Förderung der Vernetzung hat sich eine Projektuntergruppe «Seelsorge» konstituiert, in der Geistliche verschiedener Konfessionen zusammenarbeiten. «Die seelsorgerliche Zuwendung und Begleitung Kranker und Sterbender ist sowieso seit jeher Kernaufgabe der Kirchen und der Seelsorge», betont Pfarrer Alexander Pasalidi von der römisch-katholischen Kirche. Schon immer habe die Kirche Krankenbesuche zu Hause oder in Spitälern und Pflegeheimen unternommen sowie Angehörige begleitet. «Neu ist nun, dass eine professionelle Zusammenarbeit angestrebt wird, damit die körperlichen, psychischen, sozialen und eben auch die spirituellen Bedürfnisse des Sterbenskranken berücksichtigt werden», so Pasalidi. Eine gemeinsame Broschüre mit den Ansprechpartnern aller Kirchgemeinden des Saanenlandes und Simmentals ist bereits gestaltet und liegt in den Kirchen auf.

Am Ort der Wahl bis am Lebensende
Damit kranke Menschen bis am Lebensende so weit möglich am Ort ihrer Wahl verbleiben können, auch wenn sie sich in einer komplexen und/oder instabilen Situation befinden, hat die Projektgruppe auf verschiedenen Ebenen gearbeitet. Einerseits soll künftig flächendeckend und überinstitutionell ein Support durch eine ausgebildete Pflegefachperson 7 Tage/ 24 Stunden möglich sein.

Weiterhin wird ab Februar 2021 eine Pflegefachfrau mit Weiterbildung und Erfahrung in spezialisierter Palliative Care für den spezialisierten Mobilen Palliativdienst (MPD) mindestens einen Tag in der Woche im Simmental/Saanenland tätig sein. Sie wird die lokale Spitex, Pflegeheime, das Spital und die Hausärzte in enger Zusammenarbeit mit der MPD-Ärzteschaft in komplexen und instabilen Situationen vor Ort beraten und koordinativ unterstützen. «Der Vorteil ist, dass auf diese Weise die Bewohnerinnen und Bewohner nicht mehr verlegt werden müssen, wenn wir mit unseren Möglichkeiten im Pflegeheim an unsere Grenzen stossen», erklärt Erika von Siebenthal, Pflegedienstleiterin des Alters- und Pflegeheims Pfyffenegg und Mitglied in der Projektuntergruppe «Aufbau Personalpool spezialisierte Palliative Care». Denn der MPD kann die Teams je nach Bedarf instruieren und schulen. Dr. med. Daniel Rauch, Präsident des Palliative Care-Netzwerkes Region Thun, präzisiert: «Die direkte Behandlung am Patienten durch den spezialisierten Mobilen Palliativdienst wird etwa 30 Prozent ausmachen, die Schulung des Pflegepersonals dagegen 70 Prozent. An den weiteren Tagen besteht übrigens weiterhin der Support durch das MPD-Team aus Thun.»

Entstehung der Projektgruppe
Den Willen, die Palliative Care in der Region Simmental/Saanenland nach den Vorgaben des BAG und des Kantons interprofessionell und überinstitutionell zu fördern, bekräftigten Vertreter der lokalen Hausärzte, des Spitals, der Spitex, der Pflegeheime, Seelsorger, Freiwillige sowie Behörden und weitere Interessierte erstmals im Rahmen eines Workshops im November 2019. Der Workshop wurde gemeinsam durch das damalige Netzwerk Medizinische Grundversorgung Simmental Saanenland (MeGSS) und dem Palliative Care-Netzwerk Region Thun initiiert.

Die Leiterin des Netzwerkes von Beginn des Projekts an bis Mitte Dezember 2020, Natalie Pedrini, die auch in mehreren Projektuntergruppen mitgewirkt hat, resümiert: «Die Haltung bei der Projektarbeit ist, miteinander stark zu sein und viel bewirken zu können. Die grosse Motivation der Mitglieder der Projektgruppe und die gute Zusammenarbeit über die geografischen und politischen Grenzen hinaus machen es möglich!» Die Evaluation des Palliative-Care-Projektes ist für Mitte 2021 vorgesehen.

PD/ SONJA WOLF

Für interessierte Freiwillige findet am 13. Januar 2021 um 20 Uhr im Begegnungsraum der katholischen Kirche Zweisimmen ein Informationsabend zum Kurs «Passage SRK – Lehrgang in Palliative Care» statt. Anmeldung für den Informationsabend bitte an das Katholische Pfarramt, Gstaad, Tel. 033 744 11 41 oder sekretariat@kath-gstaad.ch.
Der Kurs selbst wird an acht Tagen zwischen dem 16. Februar und dem 27. April 2021 im Begegnungsraum der katholischen Kirche Zweisimmen stattfinden. Weitere Informationen: bildung-beocare@srk-bern.ch


WAS IST EIGENTLICH PALLIATIVE CARE?

Die Palliative Care umfasst, gemäss Definition des Bundesamts für Gesundheit, die Betreuung und die Behandlung von Menschen mit unheilbaren, lebensbedrohlichen und/ oder chronisch fortschreitenden Krankheiten. Sie wird vorausschauend miteinbezogen, ihr Schwerpunkt liegt aber in der Zeit, in der die Heilung der Krankheit als nicht mehr möglich erachtet wird und kein primäres Ziel mehr darstellt. Patientinnen und Patienten wird eine ihrer Situation angepasste optimale Lebensqualität bis zum Tode gewährleistet und die nahestehenden Bezugspersonen werden angemessen unterstützt. Die Palliative Care beugt Leiden und Komplikationen vor. Sie schliesst medizinische Behandlungen, pflegerische Interventionen sowie psychologische, soziale und spirituelle Unterstützung mit ein.

Quelle: Palliative Care-Netzwerk Region Thun, Medienmitteilung zum Projekt «Aufbau spezialisierte Palliative Care GSS»


PALLIATIVE CARE SPIRITUELLER SICHT AUS

Es gilt, den Sterbenden, aber auch ihren Angehörigen einen «Mantel» um die Schulter zu legen, denn das lateinische «pallium» ist ein Mantel. «Care», der zweite Begriff, bedeutet mehr als Pflege. «I care for you» im Englischen heisst «Ich sorge mich um dich» und «Du bist mir wichtig».

Definition nach Pfarrer Günter Fassbender, evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Zweisimmen


UND WAS IST «SPEZIALISIERTE» PALLIATIVE CARE?

Die meisten Patientinnen und Patienten können im Rahmen der Grundversorgung (niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, Organisationen zur Pflege zu Hause, Alters- und Pflegeheime sowie Institutionen für Menschen mit Behinderungen, Akutspitäler) betreut werden.

Es gibt aber auch die zahlenmässig kleinere Patientengruppe, die auf Unterstützung durch ein spezialisiertes Palliative-Care-Team angewiesen ist. Dies, weil sie eine instabile Krankheitssituation aufweisen, eine komplexe Behandlung bzw. die Stabilisierung von bestehenden Symptomen benötigen oder bei deren nahestehenden Bezugspersonen die Überschreitung der Belastungsgrenze erkennbar wird. Dazu gehören auch Patientinnen und Patienten, die weiterhin durch die Grundversorgung betreut werden sollen bzw. wollen, wo aber die Leistungserbringer der Grundversorgung an ihre Grenzen stossen und auf zusätzliche Unterstützung durch spezialisierte Fachpersonen angewiesen sind.

Quelle: BAG, «Versorgungsstrukturen für spezialisierte Palliative Care in der Schweiz»


KOMPLEXE UND PFLEGESITUATIONEN INSTABILE

Eine komplexe Pflegesituation bedeutet, dass mehrere Symptome und Probleme (körperlich, psychisch, sozial-familiär-kulturell-organisatorisch oder existenziell-religiös) vielfältiger und schwieriger zu lösen sind als normalerweise und der Pflegeaufwand dadurch deutlich erhöht ist. Dies kann im körperlichen Bereich eine Magensonde durch die Nase oder eine Morphinpumpe sein.

Instabil bedeutet, dass die Situation schnell kippen kann. Die Symptome oder Probleme können mit herkömmlichen Massnahmen nicht oder nur ungenügend unter Kontrolle gebracht werden. Dies ist der Fall bei akuten Schmerzen, plötzlicher nicht therapierbarer Atemnot oder wenn die Behandlung einer Symptomatik alle paar Tage angepasst werden müsste.

Erika von Siebenthal, Pflegedienstleiterin des Altersund Pflegeheims Pfyffenegg 

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