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Meeresbrise statt Klimaanlage

Di, 08. Dez. 2020
Rosa, eine Kollegin von Epu Shaha, die sie in San Diego kennengelernt hat. Auf dem Foto arbeiten sie gemeinsam in einem Coffeeshop in Malaga. FOTO: ZVG

Arbeiten, wo und wann man will: Die zelebrierte Freiheit digitaler Nomaden ist ein Spagat zwischen (Traum-)Job und sozialem Umfeld.

KEREM S. MAURER
Ein Blick in die Bücher der Menschheitsgeschichte zeigt, dass die Menschen länger Nomaden waren als sesshaft – und einige wollen es auf eine spezielle Weise wieder werden. Eine moderne Nomadenart sind sogenannte «digitale Nomaden», auch Internet- und Büronomaden oder neudeutsch Urban Nomads genannt. Damit gemeint sind Unternehmer oder Arbeitnehmer, die (fast) ausschliesslich digitale Technologien anwenden, um ihre Arbeit zu verrichten und ein zumeist ortsunabhängiges oder multilokales Leben führen. Herkömmlich Arbeitende denken bei digitalen Nomaden meist an Menschen, die mit Laptops, Tablets oder Notebooks ausgerüstet irgendwo am Strand sitzen und das Stimmengewirr sowie die stickige Luft unpersönlicher Grossraumbüros gegen Meeresrauschen und Möwengeschrei eingetauscht haben – und liegen damit gar nicht so falsch. Digitale Nomaden arbeiten und leben bevorzugt dort, wo andere Ferien machen, wo die Sonne länger scheint und die Lebenshaltungskosten tiefer sind – Hängematte statt Bürostuhl und Meeresbrise statt Klimaanlage. Dennoch reisen sie nicht zwingend ständig herum, sie haben einfach keinen festen Arbeitsplatz. Im Zentrum dieser modernen Lebensform steht eine von der herkömmlichen Norm abweichende Lebensweise und die ganz grosse Freiheit, selber zu bestimmen, wann und wo gearbeitet wird. Wichtiger als eine funktionierende Kaffeemaschine ist für sie schnelles Internet.

Mehrere Tausend in der Schweiz
Im November 2016 wurde in Thun der Verein Digitale Nomaden Schweiz gegründet, damals mit acht Mitgliedern. Ihr Präsident ist Lorenz Ramseyer, selbstredend ein digitaler Nomade. Laut ihm gibt es keine offiziellen Zahlen darüber, wie viele von ihnen es in der Schweiz gibt, aber: «Wir rechnen mit mehreren Tausend.» Ramseyer zieht die USA als bekannte Grösse heran, wo sich aktuell acht Millionen Arbeitnehmende als digitale Nomaden bezeichnen. Auf die Frage, welche Berufe oder Branchen sich für digitales Nomadentum eignen, sagt Ramseyer: «Alle Berufe, die sich im Homeoffice und am Laptop per Wlan erledigen lassen. Ideal sind Branchen, die asynchrones Arbeiten erlauben wie Softwareentwicklung, Journalismus, konzeptionelles Arbeiten, Consultings usw.» Laut Ramseyer sind rund 50 Prozent aller Arbeitnehmenden in der Schweiz sogenannte Knowledgeworker und wären dadurch potenziell befähigt, ortsunabhängig zu arbeiten. Mit Knowledgeworker sind «Wissensarbeiter» gemeint, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, Wissen zu entwickeln oder zu nutzen.

Es braucht Selbstdisziplin
Doch wer jetzt denkt, digitale Nomaden seien Stadtmenschen, irrt sich. Denn die in Saanen aufgewachsene und aktuell in Thun wohnhafte Epu Shaha ist eine von ihnen. Die gelernte Grafikerin arbeitet als Art Director in ihrer eigenen GmbH und ist nach eigenen Angaben zu 90 Prozent digital unterwegs. «Mein Traum war es schon immer, zu reisen und unterwegs zu arbeiten», sagt die 23-Jährige gegenüber dieser Zeitung und schätzt sich glücklich, dass sie das heute tun kann. «Wenn ich Urlaub mache, kommt es vor, dass ich danach im Urlaubsort bleibe und von dort aus arbeite.» Doch Epu Shaha betont, dass diese Art zu leben und arbeiten eine grosse Portion Eigendisziplin voraussetzt. Vereinbarte Abgabefristen müsse sie zwingend einhalten und ebenso qualitativ lupenreine Arbeit abliefern. «Man darf sich keine Illusionen machen. Ich arbeite täglich oft mehr als acht Stunden. Sonst könnte ich mir diesen Lebensstil nicht leisten», hält die Saanerin mit bengalischen Wurzeln fest.

Empfehlung und Instagram
«Im Ausland gewinne ich durch Empfehlungen von zufriedenen Kunden neue Kunden», erklärt Epu Shaha und unterstreicht damit, wie wichtig erstklassige Arbeit für digitale Nomaden ist. Neben der Mund-zu-Mund-Werbung bietet die digitale Welt zahlreiche Werbemöglichkeiten in den sozialen Netzwerken. «Ich nutze Instagram als digitales Schaufenster für meine Arbeiten. Das funktioniert recht gut», sagt Epu Shaha. Sie bedient hauptsächlich Kunden in der Schweiz und – weil sie oft in San Diego, Kalifornien, oder Malaga arbeitet – auch in den USA und Spanien. Während sich amerikanische oder spanische Kunden oft vollständig digital betreuen lassen, wollen Schweizer Kunden zumindest zu Beginn einer Zusammenarbeit ein-, zwei- oder sogar dreimal persönlich zusammensitzen. «Schweizer wollen eben genau wissen, mit wem sie es zu tun haben», weiss sie aus Erfahrung.

«Man muss erreichbar sein!»
Kundenkontakt ist auch für digitale Nomaden von zentraler Bedeutung. Neben verschiedenen modernen Kontaktmöglichkeiten spielt das Telefon nach wie vor eine zentrale Rolle. «Wenn mich ein Kunde nachmittags um drei Uhr anrufen will, tut er das nach seiner Uhr. Ihm ist egal, in welcher Zeitzone ich gerade unterwegs bin», sagt Epu Shaha, die deswegen oft auch nachts arbeitet – um dann vielleicht morgens etwas länger zu schlafen. Ein Umstand, der dann herausfordernd ist, wenn der Freund der digitalen Nomadin mit auf Reisen ist – und den ganzen Tag verplant hat. Damit schneidet sie das Thema des sozialen Umfeldes an. Als digitaler Nomade persönliche soziale Kontakte zu pflegen, sei schwierig und setze grosse Flexibilität voraus. Dennoch: Der Kontakt zu den zu Hause Gebliebenen und normal Arbeitenden leide oft unter diesem Lebensstil. «Mann muss Prioritäten setzen – alles kann man nicht haben!»

Corona als Chance
Die Corona-Krise hat der Digitalisierung einen gewaltigen Schub verliehen. Viele haben dank Homeoffice gelernt, dass auch von zu Hause aus gearbeitet werden kann. Nicht einmal mehr für jede Sitzung ist eine physische Anwesenheit erforderlich. Corona hat die Reisetätigkeiten von digitalen Nomaden nicht beendet, aber zumindest beeinflusst: Sie reisen derzeit kaum noch ins Ausland. Auch Epu Shaha hatte Reisepläne in diesem Jahr. «Eigentlich wollte ich einige Monate in Korea, Malaga und San Diego arbeiten», sagt sie nicht ohne Bedauern in ihrer Stimme. Doch statt exotischen Arbeitsorte suchen sich digitale Nomaden hierzulande schöne Plätze, wo sie arbeiten können. Laut einer Sendung des Schweizer Radios gibt es zurzeit beispielsweise im Wallis kaum noch freie Ferienwohnungen, weil digitale Nomaden sich dort einmieten. Recherchen dieser Zeitung haben ergeben, dass dieser Trend sich im Saanenland kaum bestätigen lässt. Möglich sei, dass Besitzende von Ferienwohnungen oder -häusern, die im Homeoffice arbeiteten, vermehrt in ihren Feriendomizilen anzutreffen seien, mutmasste ein Immobilienverwalter.

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