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Achtung, Lawinengefahr!

Fr, 15. Jan. 2021
Vor den aktuellen Schneefällen war die Altschneeoberfläche verbreitet sehr locker und bestand aus Kristallen oder Oberflächenreif. Die Verbindung zum vielen Neu- und Triebschnee ist damit ausgesprochen schlecht. Zusammen mit der hohen Niederschlagsintensität erwartet das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) deshalb eine nicht zu unterschätzende Lawinenaktivität. Hier ein Archivbild von 2018 mit Schneebrettern am Südhang des Lauenenhorns. FOTO: ZVG

Stufe 4 auf der fünfstufigen Gefahrenskala meldete das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) gestern für das Berner Oberland für alle Expositionen oberhalb von rund 1800 Metern. Aber auch in tieferen Lagen bleibt Schneesport abseits der gesicherten Pisten gefährlich.

SONJA WOLF
Die Lage im Moment ist gefährlich: Laut SLF lagerten sich viel Neu- und Triebschnee auf einer ungünstigen Altschneeoberfläche ab. Zahlreiche spontane Lawinen seien zu erwarten, die vereinzelt sehr gross werden können. Die Verhältnisse für Schneesport abseits gesicherter Pisten seien gefährlich, auch in mittleren Lagen.

Morgen Samstag wird es laut SLF-Voraussage meist sonnig und eher kühl. Für Schneesport abseits gesicherter Pisten bleibt die Situation aber weiterhin verbreitet heikel. In den Hauptniederschlagsgebieten sind in tiefen und mittleren Lagen Gleitschneelawinen und Böschungsrutsche zu erwarten. Ueli Grundisch, der seit 20 Jahren als Bergführer und als Beobachter für das SLF arbeitet, rät von Skitouren in steilem Gelände ab.

Wie entstand diese Gefahrenlage?
SLF-Berater Grundisch erklärt, wie es zu der augenblicklichen Lage kommen konnte: «Anfang Dezember sind 25cm Neuschnee gefallen. Wunderschön, schon lange nicht mehr gab es um diese Zeit so viel.» Mitte Dezember dann habe es geregnet bis auf 2200 Meter. «Das ist eigentlich gut. Das bindet den Schnee ein bisschen. Natürlich haben wir es nicht so gern, weil es den Pulverschnee verändert.» Um Weihnachten gab es Regen und Neuschnee, einmal sogar Regen bis auf 3000 Meter. Bis Ende Jahr dann täglich ein wenig Neuschnee, etwa 3 bis 4cm laut Grundisch. «Ab Neujahr dann wirkte die Kälte: Sie hat dem Schnee die Feuchtigkeit genommen und Reif gebildet.» In der Folge ist viel Wind aus Südwest und West aufgekommen, der den Neuschnee auf allen Graten und Kammlagen von dieser Reifschicht abgeblasen hat, was zu Wächten und Verfrachtungen geführt habe. Vom 1. bis 12. Januar dann herrschte grössere Kälte von minus 1 bis minus 17 Grad. Ueli Grundisch erklärt dazu: «Der Boden hat immer null Grad und ‹schwitzt›, die Feuchtigkeit wandert bis an die Oberfläche und gefriert. Es bildet sich Reif, der immer weiter wächst.» Reif zwischen der alten Schneedecke und der Neuschneeschicht fungiere dann wie ein Kugellager. Schon kleine Störungen oder zusätzliche Gewichte können eine Lawine auslösen – wie zum Beispiel ein Stein, der hineinfällt. «Oder ein einzelner Mensch fährt hinein. Die Reifkristalle als Schwachschicht brechen, die Schneedecke kommt als Schneebrett ins Rutschen», so der Bergführer.

Die enormen Schneemengen der letzten 48 Stunden hätten die Gefahrenlage zusätzlich verschärft.

Gefahrenträchtiger Samstag
Ueli Grundisch befürchtet, dass der morgige Samstag der unfallträchtigste Tag in dieser bisherigen Saison wird, da es der erste sonnige Tag nach einer Serie von Schneefalltagen sein wird: «Da sollte man warten, bis sich die Schneedecke setzt, was auch mit jeder Stunde zunehmend passiert.» Auch sei es ratsam, Spuren im moderaten Gelände anzulegen und dann auch dort abzufahren. «Denn dort kennt man die gefährlichen Stellen bereits», rät der Bergführer und SAC-Rettungschef.

Savoir-faire bei Skitouren
Gefahr bei Skitouren lauere auch, wenn sich Menschen lauftechnisch, fahrtechnisch oder geländetechnisch überschätzen. Teilweise unterliegen sie auch dem Gruppendruck und wollen vor den Kollegen nicht feige erscheinen. Grundisch: «Das Bauchgefühl ist wichtig! Wenn man sich etwas nicht zutraut, sollte man sich von den Kollegen der Gruppe nicht dazu überreden lassen.»

Vorsicht sei auch bei felsdurchsetzten Hängen gegeben. Eine Lawine wird meist bei Hängen, die 30 Grad und steiler sind, ausgelöst. Die gewählte Route mag zwar über einen flacheren Hang verlaufen, doch können kurze Hangpartien, die über 30 Grad sind, für den Lawinenabgang verantwortlich sein, warnt Grundisch.

Immer mindestens zu zweit mit der nötigen Ausrüstung (LVS, Schaufel und Sonde) sei die absolute Voraussetzung. Man sollte aber nicht nur auf die technischen Hilfsmittel vertrauen: «Besser ist ‹High brain and low tech› als ‹High tech und low brain›», resümiert Ueli Grundisch in amüsant-eingängiger Weise.


ALARMZEICHEN

• «Bei Wumm kehr um!» Wenn die Reifkristalle zwischen alter und neuer Schneedecken brechen, entweicht die Luft, was das charakteristische «Wumm» bewirkt. Wenn es am Hang passiert, ist es meist schon zu spät. Wenn es am flacheren Boden passiert, dann umkehren oder die Routenwahl anpassen!
• Risse in der Schneedecke.
• Wenn man spontane Lawinen aus der Ferne sieht.
• Bei Fernauslösungen, also bei einem Lawinenabgang in kleiner Entfernung vom Skitourengänger (20 bis 100 Meter weit weg). Denn das bedeutet, dass durch das Gewicht des Sportlers eine Kettenreaktion ähnlich wie bei Dominosteinen ausgelöst wurde. Die Schwachschicht bricht unter dem Skitourengänger und setzt sich fort bis zu einer Stelle mit einer grösseren Neigung als 30 Grad, wo dann die Lawine abgehen kann.

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