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Stadt oder Land?

Mi, 26. Mai. 2021
Museumspräsident Stephan Jaggi bedankt sich bei Pierre Stauffer (links) für seine Schenkung an das Museum der Landschaft Saanen. FOTO: FRANZISKA HALDI

Der Besuch der Ausstellung «Der andere Fred Stauffer» im Museum der Landschaft Saanen lohnt sich.

Das Vordach sei aber auf der falschen Seite, habe ein Bauer kritisiert, als er eine der Landschaften von Fred Stauffer sah. Der Vater, so erzählte Pierre Stauffer am Pfingstsamstag im Saaner Museum – der Vater habe nicht lange argumentiert. Er habe dann dem Nachbarn ein Bild gemalt, das alles korrekt wiedergab: das tiefgezogene Dach, die Kühe … der Bauer war zufrieden. Aber in sein Werkverzeichnis aufgenommen habe Fred Stauffer das Bild dann nicht.

Das zeigt vielleicht: Der Künstler hatte andere Ambitionen. Ihm ging es nicht um das Naturgetreue, das reine Abbilden. Die Wahrheit, die er malte, war eine innere und künstlerische. An der Münchner Kunstakademie hatte er sich in Komposition geschult, in Paris die französische Avantgarde gesehen. So malte er auch nie vor Ort. Die Staffelei stand innen, etwa im Vorraum vor dem Wohnzimmer im Lauener Chalet der Familie. Draussen skizzierte er, die Gemälde aber entstanden in einer Verbindung vom Gesehenen draussen und einer künstlerischen Vision, die er sich vors innere Auge holte. So zeigen die Landschaften zwar das Saanenland, können uns aber über Zeit und Ort hinaus berühren in ihrer schönen Balance von Natur und Haus, Berg und Grün, Himmel und Erde.

Die Ausstellung im Museum der Landschaft Saanen verdankt sich einer grosszügigen Schenkung: Sein Sohn Pierre überlässt der Öffentlichkeit den Nachlass des Wahl-Laueners Fred Stauffer und die finanziellen Mittel, diesen zu bewahren. Das wurde am Pfingstsamstag im – der verflixten Pandemie wegen – kleinen Kreis gebührend gefeiert: in Anwesenheit der beiden Gemeindepräsidenten von Saanen und Lauenen, der Freunde Pierre Stauffers und der Getreuen des Museums.

Schicke Künstlercafés
Wer Fred Stauffers Landschaften sehen will, kann jederzeit dem Altersheim in Lauenen einen Besuch abstatten, dessen Räume grosszügig mit Bildern bestückt sind. Stephan Jaggi, Präsident des Museumvereins, erinnerte in seiner Ansprache daran, dass die Familie Stauffer zu dessen Gründung damals den entscheidenden Anstoss gegeben hatte. In der aktuellen Ausstellung dagegen lässt sich eine andere Seite des Künstlers entdecken: bunte Szenen aus dem Kaffeehaus Moser, die den Berner Künstlertreffpunkt aussehen lassen wie ein schickes Café in Montmartre. Wartende auf dem Bahnhofsperron im Gegenlicht, eine Szene mit Artisten, elegante Damen, das Kinn in die schmale Hand gestützt, vor bunten Tapeten und Topfpflanzen, die sich mit den Schatten zum Ornament vereinen. Bei aller Buntheit der Pastellkreide schleicht sich oft eine leichte Melancholie in die Bilder: Die Eleganz der Linie tritt anstelle der zupackenden Kraft des «Bergfests bei Lauenen» von 1949, des wohl berühmtesten Bildes Stauffers, das im Bundeshaus hängt. (Die Skizzen dazu sind im Museum in der Dauerausstellung zu sehen.)

Der Künstler steht immer etwas aussen vor, ist ein genauer Beobachter, aber guckt auf das mondäne städtische Leben eher, als gehörte er nicht ganz dazu, als würde es sich auf einer Bühne abspielen. Hat er sich deshalb im Saanenland so wohl gefühlt?

Meine liebsten Bilder finden sich in der Ausstellung eher als Fussnote. Über drei Monate, so Pierre Stauffer an der Vernissage, sei der Vater im Basler Zoo ein- und ausgegangen wie einer der Wärter. Die Skizzen zu Stauffers bekanntem Buch sind allein ein Besuch der Ausstellung wert. Eine davon war in der Ausstellung für nur 80 Franken zu erwerben – die fährt jetzt wieder mit mir Richtung Basel, wo sie entstanden ist.

ANNINA ZIMMERMANN, FACHSPEZIALISTIN KUNST DER STADT BERN

Die Ausstellung «Der andere Stauffer» ist noch bis zum 17. Oktober 2021 von Donnerstag bis Sonntag, 14 bis 17 Uhr, geöffnet.

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