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Wörterwelten

Di, 04. Mai. 2021
Thomas Gommes in seiner Schreibstube im Untergeschoss seines Chalets, wo ihm die besten Inspirationen für seine Bücher und die Organisation von World of Words Gstaad kommen. FOTOS: SONJA WOLF

Thomas Gommes ist neu in der Literaturszene. Nach 15 Jahren als Rechtsanwalt hat er die Juristerei an den Nagel gehängt und sich seit nunmehr anderthalb Jahren ganz der Schriftstellerei verschrieben. Neben seinen beiden literarischen Erstlingswerken, an denen er gerade feilt, organisiert er ein internationales Literaturwochenende für Ende Juni: World of Words, kurz WoW Gstaad.

SONJA WOLF

«WoW» – wie sind Sie auf diesen wunderbar zweideutigen Namen gekommen?
Ich wachte eines Nachts um 3.58 Uhr auf und hatte ihn einfach im Kopf: «Wow!», dachte ich, der Name tönt gut, ist zugleich aber auch bedeutungsvoll und inspirierend: «World of Words.» Ich schickte die Idee sofort per Message an die anderen Mitglieder des Organisationskomitees, daher weiss ich auch die genaue Uhrzeit (schmunzelt).

Seit 2012 haben wir den Literarischen Herbst im Saanenland. Brauchen wir noch ein Literaturfestival?
Ich denke, es sind zwei recht unterschiedliche Festivals. Beim Literarischen Herbst lesen deutschsprachige Autoren an verschiedenen Leseorten vor einem jeweils unterschiedlichen Publikum. WoW dagegen ist ein internationaler Event mit Autoren und Publikum aus aller Welt, welche alle Lesungen und Freizeitveranstaltungen zusammen verbringen werden. Die Verkehrssprache wird Englisch sein und es wird auch weniger um Lesungen gehen, sondern eher um den Austausch von Autoren und Publikum. Bevor ich mit der Organisation von WoW begann, habe ich mich übrigens mit den Veranstaltern des Literarischen Herbsts abgesprochen, denn ich wollte niemandem auf die Füsse treten.

Es geht weniger um Lesungen? Wie wird das Literaturwochenende denn konkret ablaufen?
Die Autorin oder der Autor wird zunächst eine kleine Rede von 15 bis 20 Minuten halten. Das Thema ist nur sehr grob vorgegeben: Was verbindet Literatur mit der realen Welt? Warum brauchen wir Literatur? Und aus aktuellem Anlass auch der Aspekt: Wie wird die Kultur durch Covid beeinflusst? In diesen 15 Minuten sind die Präsentierenden also sehr frei, sie tragen die eigene Botschaft von der Bedeutung der Literatur ans Publikum heran und können auch etwas aus ihrem Werk vorlesen, müssen aber nicht. Im Anschluss daran wird es ein Interview zwischen einem OK-Mitglied und der Autorin oder dem Autor geben, was im Bestfall die Interessen des Publikums bereits widerspiegelt. Das Publikum kann aber interaktiv teilnehmen und Fragen stellen oder kommentieren.

Wer sind die Autoren?
Ich bin ein Neuling in der Szene, das heisst, ich kannte die Autoren nicht persönlich, nur deren Werke. Für ein möglichst internationales Symposium wollte ich gerne Schriftsteller aus verschiedenen Sprachräumen einladen: aus der Deutschschweiz, der französischsprachigen Schweiz, aus Frankreich, aus England und aus Amerika. Ich habe sie einfach angeschrieben, über das Festival informiert und gebeten zu kommen – ohne Gage! Nur aus Freude am literarischen Austausch und wegen der Schönheit des Saanenlandes.

Und hat es geklappt?
Ja! Ich bin ausgesprochen glücklich und geehrt, dass ich inzwischen bereits acht Autoren mit an Bord habe. Gerade vor wenigen Tagen haben zwei sehr bekannte Autoren zugesagt: der Schweizer Peter Stamm, dessen Bücher bereits in 39 Sprachen erschienen sind, und Oliver Stone, Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und vierfacher Oscar-Preisträger, der bekannt ist durch Filme wie «Platoon», «Scarface» oder «Midnight Express». Das freut mich besonders, da ich sowieso auch ein Filmelement in WoW hineinbringen möchte. Alle Filme beruhen ja auf Büchern, aber warum wird manchmal der Film wichtiger als das Buch? Wie fühlt sich der Autor, dessen Werk verfilmt wird?

Werden die Teilnehmenden am Literatursymposium ähnlich prominent sein wie die Autoren?
Wir haben etwa 50 Personen eingeladen, die nicht alle prominent sind (zwinkert mit dem Auge). Normalerweise hätten wir zwei- bis dreihundert Tickets verkauft, aber aufgrund der Covid-Situation haben wir uns auf wenige Personen beschränkt, die übrigens unsere Gäste sind. Ein Ticketverkauf wird erst ab nächstem Jahr stattfinden.

Was waren die Kriterien bei der Auswahl der Gäste?
Wir wollten in dieser ersten, kleineren Ausgabe von WoW vorrangig Menschen einladen, die bereits eine Verbindung zum Schreiben haben: Verleger, Journalisten oder Lehrer. Auch wollen wir die Kreise erst allmählich immer grösser und internationaler ziehen. Die meisten Gäste für diese 2021er-Ausgabe kommen daher aus dem Saanenland. Es sind auch Gemeinde- und Tourismusvertreter oder Menschen aus dem Gewerbe dabei. Daneben haben wir schweizweit nach den Vertretern aller grossen Zeitungen, der Universitäten und der Verlage Ausschau gehalten. Einige wenige Einladungen gingen auch nach Deutschland, Frankreich, England oder Amerika. Aber es ist unklar, ob sie kommen werden, denn zum einen weiss noch keiner, wie die pandemische Lage sich entwickeln wird, zum anderen bin ich noch nicht so bekannt in den literarischen Kreisen (schmunzelt). Ich hoffe natürlich, dass in ein paar Jahren die ganz Grossen aus dem internationalen Literaturbetrieb – sowohl als Gäste als auch als Präsentierende – von sich aus auf mich zukommen und sich um einen Platz im Festival reissen werden (lacht).

Apropos Pandemie: Wie sicher ist die Durchführung des Festivals?
Wir werden es auf jeden Fall durchziehen. Mit unseren maximal 50 eingeladenen Gästen liegen wir in den aktuell erlaubten Richtlinien. Aber selbst wenn die Restriktionen wieder verschärft werden, gibt es immer noch die Variante, mit den Autoren virtuell zu diskutieren und die ganze Veranstaltung zu streamen.

Werden Sie die Veranstaltung nicht sowieso streamen, um sie einer grösseren Anzahl von Menschen zuteil werden zu lassen?
Nein, wir werden nicht live streamen, aber wir werden sie aufzeichnen und dann später auf unsere Homepage hochladen.

Unser Ziel ist tatsächlich, möglichst viele Menschen zu inspirieren. Wir wollen ein Thinktank für Literatur sein. Ich denke, es ist unsere Pflicht als Gesellschaft, der aktuellen Generation und auch den künftigen Generationen zu zeigen, was für eine Freude, was für Lerneffekte, was für einen Trost und auch was für Humor uns Literatur geben kann.

Literatur ist aber nicht jedermanns Sache …
Das stimmt. Für viele Menschen hat Literatur so einen Beigeschmack von «Elfenbeinturm» oder sogar «Snobismus». Wir möchten aber zeigen, dass hinter allen Filmen, hinter allen Videogames und sogar hinter allen Beiträgen in den Social Media doch ein Schreiber steckt – alles beginnt gleichsam mit Literatur.

Woher haben Sie dieses Sendungsbewusstsein, die Menschen von der Magie der Literatur zu überzeugen?
Vor zwei Sommern hatte ich die Gelegenheit, an der Sun Valley Writers’ Conference in Idaho/USA teilnehmen zu dürfen und war sehr beeindruckt. Schon die geografische Lage erinnerte mich an Gstaad: Auch dieses Literaturfestival ist in einer wunderschönen Landschaft, einem Skigebiet, das man nicht so schnell erreichen kann.

Was mich aber am meisten in Sun Valley fasziniert hat: Da sassen am gleichen Tisch ein Richter vom Supreme Court, ein Billionär, eine Kindergärtnerin vom Dorf, ein Autor, der noch nie etwas veröffentlicht hatte und ein Bestsellerautor – und keiner scherte sich um die Unterschiede, alle waren glücklich am Diskutieren über Literatur. So etwas schwebt mir auch für Gstaad vor.

Ich hatte sowieso schon die vage Idee im Hinterkopf, diesem wunderbaren Saanenland, in dem ich seit nunmehr vier Jahren wohne, etwas zurückzugeben. Durch das Sun-Valley-Festival konkretisierte sich dann die Idee, auch hier einen Literaturevent zu schaffen, der auf Autoren fokussiert ist.

Wie finanzieren Sie WoW Gstaad? Welche Kosten kommen auf Sie zu?
Wie schon erwähnt, nehmen die Autoren keine Gage. Allerdings zahlen wir ihnen und ihren Familien die Reise, die Übernachtung und die verschiedenen gemeinsamen Mahlzeiten hier. Am Nachmittag zeigen wir ihnen die Umgebung: die Natur und auch die lokalen Betriebe, zum Beispiel wie Käse gemacht wird. Wir möchten ihnen zeigen, dass Gstaad viel mehr ist als die prominente Glitzerwelt, von der die Leute oftmals hören. Gstaad ist vielmehr eine authentische, ganzjährige, wunderbare Ortschaft in einer traumhaften natürlichen Umgebung.

Ab nächstem Jahr werden wir Geld aus dem Ticketverkauf generieren, um für einen Teil der Kosten aufkommen zu können. Allerdings sind wir auch auf Sponsoren angewiesen. Besonders dieses Jahr, wo wir gar keine Tickets verkauft haben …

Eine schöne Werbung für Gstaad. Also hat auch die heimische Bevölkerung einen Nutzen aus WoW Gstaad?
Auf jeden Fall. Aber nicht nur durch die Übernachtungen, das Essen und die organisierten Ausflüge. Wir geben bei allem, was wir an Organisation brauchen, den einheimischen Anbietern den Vorzug: bei der Technik für die Veranstaltungen, bei den Büchern der Autoren, die von einheimischen Buchhandlungen bezogen werden, wir nutzen das hiesige Kino usw.

Das ist die materielle Seite. Können die Einheimischen auch die Literatur geniessen?
Selbstverständlich. Dieses Jahr ist alles in kleinem Rahmen und covidbeschränkt. Aber ab nächstem Jahr wird der Ticketverkauf niemals exklusiv nur bestimmten Gruppen zugänglich sein. Alle können teilnehmen. Und auch an diejenigen, die sich nicht zwei volle Tage mit Literatur beschäftigen wollen, werden wir denken: Eine Veranstaltung von allgemeinem Interesse werden wir auf einer grossen Leinwand live nach draussen streamen. Auch wird es immer Gratistickets für interessierte Schüler geben. Das haben wir den Schulen bereits in der diesjährigen kleinen Ausgabe angeboten.

Und gab es schon Resonanz?
Noch habe ich wenig Rückmeldung von den Schulen. Aber ich hoffe, das kommt noch.
Eine andere Idee, die wir gerne umsetzen wollen, ist, die Bibliotheken der Region finanziell zu unterstützen. Da WoW zu 100 Prozent «non profit» ist, werden wir im Lauf der Jahre die hoffentlich immer höheren Umsätze dafür nutzen. Gerne würde ich von den Erträgen auch sogenannte «Bücherboxen» auf Strassen und öffentlichen Plätzen schaffen – das sind die Orte, wo man Bücher mitnehmen oder bereits gelesene lassen kann. Es gibt immer Ideen, die Literatur in der Region zu unterstützen!


THOMAS GOMMES – AUTOR UND ORGANISATOR

Der 45-jährige Thomas Gommes organisiert nicht nur das World of Words Gstaad. Seit eineinhalb Jahren schreibt er ausschliesslich mit dem Wunsch, sich als Schriftsteller zu etablieren. Schon seit dem zarten Alter von zwölf Jahren wollte er Schriftsteller werden, doch seine Eltern empfanden das literarische Schreiben nicht als «richtigen Beruf». Daher studierte er Geschichte, Recht und Journalismus an der Columbia-Universität von New York und war insgesamt 15 Jahre lang als Anwalt in New York und London tätig. Dabei ist er aber immer nebenher seiner Leidenschaft, dem Schreiben, nachgekommen, bis er sich in Gstaad niederliess, um seinen Traum vom Schreiben endgültig zu verwirklichen.

Gstaad besuchte er bereits 2005 zum ersten Mal als Tourist und verliebte sich direkt in die Region. Er wurde zum touristischen Wiederholungstäter, bis er schliesslich 2015 sein eigenes Ferienchalet kaufte, das er 2017 definitiv zu seinem Erstwohnsitz und Gstaad zu seiner Herzensheimat machte.

Thomas Gommes arbeitet gerade an zwei Kurzgeschichtensammlungen. Sowohl als Mensch als auch als Autor ist er unprätentiös und humorvoll. Intellektueller Snobismus und das ständige Hinein-interpretieren-Wollen in die Intentionen des Autors liegen ihm fern. Daher schreibt er kurze, greifbare Geschichten von höchstens ein bis zwei Seiten, bei denen der Leser eigene Gefühle und Situationen wiedererkennt – ohne versteckte Bedeutungen. «No hidden meaning» stellt er sich auch als Titel der ersten Sammlung vor.

SONJA WOLF

 

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