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Adieu, Schultheater Turbach

Di, 15. Jun. 2021
«I have a dream», 29. Mai 2009.

Vorletzten Sonntag fand die letzte Theateraufführung der Oberschule Turbach statt. Mit Johannes Nydegger, der die letzten dreizehn Theaterprojekte geleitet hat, öffnen wir die Vorhänge nochmals und erinnern uns an viel Schönes, das diese gute Tradition mit sich gebracht hat.

DANIELA ROMANG-BIELER
Johannes Nydegger hat als «Büebel» auch schon Theater gespielt. Z.B. als Moritz in «Max & Moritz» im kleinen Emmentaler Dorf Mirchel. Als Junglehrer war er eingebunden in verschiedenen Theaterprojekten. 1999 kam er nach Saanenmöser und hat dort das Spielen wieder aufgenommen. Dazu kommt ihm eine Erinnerung: «Mir flog der Hauptdarsteller, ein 6.-Klässler, ‹plötzlich› nach kurzem Telefonat fünf Tage vor der Premiere in die Türkei, um an einer Hochzeitsfeier teilzunehmen. Zwei Jungs seiner Klasse übernahmen zusätzlich seine Rolle, weil sie das Stück sowieso auswendig kannten und sie gerade dann nicht auf der Bühne agierten, wenn der andere spielte, und so alles und mich ‹retteten›.»

Gnädige Momente
Er könnte noch viele «gnädige Momente» aufzählen. Auch auf die Theaterzeiten im Turbach schaut er sehr dankbar zurück: «Als Überschrift dazu könnte stehen: ‹Mein Standard ist nicht die Perfektion, sondern die Gnade.› Als Johannes, was ‹Gott ist gnädig› bedeutet, habe ich dies immer und immer wieder erlebt.»

Der Anfang 2008 im Turbach war nicht einfach: «Dass ich bei meinem ersten Stück gerade ein Musical gewählt und es erst noch auf Hochdeutsch geschrieben hatte, war aus Sicht der Schüler ein No-Go und produzierte viel Gegenwind. Am Schluss haben sie es aber brillant performt. Auch war es von den Zuschauern und der Stimmung her trotz zwei Stunden und zehn Minuten Aufführungszeit das erfolgreichste und lustigste – und auch eines der einträglichsten», erinnert sich Nydegger.

11 der 13 letzten Turbacher Theaterspiele stammen komplett aus seiner Feder. Ein Lieblingsstück kann er nicht nennen, doch weit oben stehen das Musical «I have a dream», das Täuferdrama «Im Wandel vo de Zyte» oder die beiden Lokalproduktionen «Ds’ Glüt» und «Der Friesewäg».

«Da läuft es einem kalt den Rücken runter»
Auf die Frage, ob es Momente gegeben habe, die beim Publikum so richtig eingefahren seien, weiss er einiges zu erzählen: «Das Täuferstück ‹Im Wandel vo de Zyte› ist bei den Zuschauern recht ‹ygfahre›. Ein Neuntklässler musste spielerisch ausdrücken, dass er wegen seiner christlichen Überzeugung den Hof ‹verkaufen lassen muss›, respektive er wurde enteignet und musste weggehen. Bocksteif stand er auf der Bühne, ballte seine Fäuste, blickte in die Zuschauer und sagte: ‹U das allz muess iech la gah?› Da läuft es einem kalt den Rücken runter. Der Schüler sagte mir, dass er dabei an den eigenen Hof zu Hause dachte und dann gar nicht gross spielen musste. – Oder im ‹Ds’ Glüt›: Das raubeinige und feinfühlige Verhalten des Glockengiessers Schopfer und die theatralische Umsetzung, eine Glocke zu giessen mit rezitiertem Gedicht, kamen sehr gut an.»
Besonders lustig und gelungen waren viele Slapstickszenen: «Als zum Beispiel im Musical ‹I have a dream› zwei Siebtklässler als Polizisten eine überlange Sequenz Tollpatschigkeit spielen mussten, damit sich ihr Verdächtigter, ein Achtklässler, vom Feriengast zur aufgetakelten Frau umziehen konnte, um so seiner Verhaftung zu entgehen. Mit Gymnastikbällen im Dekolleté ausgestattet, stolzierte er, respektive sie, neben den verdutzten Polizisten davon zum Fest.

Nydegger weiss, dass seine Stücke eine ganz eigene Art haben: «Sie widerspiegeln auch einiges von meinem Charakter. Sie sind so dicht und aufwendig in der ‹Überei›, im Wortspiel und im Bühnenbau, dass sie auch einmalig bleiben werden.»

Woher all die Ideen?
Bevor man ein Stück einstudieren konnte, mussten aber immer wieder neue Ideen her: «Die Vorbereitungen fingen oft Jahre vorher an, wie beim Bilderbuch dieses Jahr, das ich 2014 im örtlichen MediaTreff gekauft hatte. Wenn ich nichts im Köcher hatte, passierte es auch, dass mich besonders in Aufführungszeiten plötzlich eine Idee ansprang. Auf Velofahrten, beim Arbeiten in der «Boutique», in den Ferien, beim Vorbereiten, Korrigieren und eigentlich immer kamen mir Ideen, Bilder und Musikstücke in den Sinn, die ich mir notierte und abends in einer Excel-Datei speicherte. Ungefähr ein Drittel davon liess sich jeweils realisieren.» Auch für das nächste Jahr hätte Nydegger schon ein Stück im Köcher gehabt. «Geplant gewesen wäre für 2022 das Stück ‹Dr’ Geltstag im Saaneland›, eine traurige Geschichte aus dem Jahr 1874, als Saanen noch die ärmste Gemeinde im Kanton Bern war und man zum Beheben dieser Misere die heutige Saanen Bank gegründet hat. Aber wer weiss – bis zu deren 150-Jahr-Jubiläum dauert es ja noch etwas.»

Motivationskünstler?
Ein weiteres Geheimnis musste uns Nydegger noch lüften: Wie schaffte er es, die Schüler für das Theater zu motivieren? «In den letzten Jahren hatte ich viel Gnade und auch Gunst, dass jeder nicht nur freiwillig, sondern auch willig am Theaterspielen mitmachte. Ehrlichkeit, Offenheit, ein frühes Informieren und viele Gespräche haben dabei auch mitgeholfen. Ich glaube auch, dass das Vertrauen der Kinder viel dazu beigetragen hat. Die Schüler haben auch Jahr für Jahr meinen Einsatz gesehen und honoriert.

Nach dem Zusammenschluss mit der Bissenschule wurden die ersten drei Theaterproduktionen nicht von allen Schülern besucht. Damals entstand die Idee, den beteiligten Darstellern mit einem zusätzlichen Theaterausflug etwas zurückzugeben. Dieses Jahr gehen wir vier Tage ins Emmental und logieren im Schloss Burgdorf. Die Oberschüler haben im Turbach seit Jahrzehnten mit dem eingespielten Geld jeweils eine Woche Schulreise erlebt.»

Trotzdem: Die grosse Frage, ob heutzutage das Theaterspiel in den Schulen Platz haben soll, bleibt aktuell. Johannes Nydegger ist ein grosser Befürworter des Schultheaters. Er findet es absolut wertvoll: «Die Schule fordert immer stärker intellektuellere Höchstleistungen, punktuelle Ergüsse in Proben, Erzeugnissen, die benotet werden und sich in Zeugnissen wiederfinden, die aber Jugendlichen oft zuwider sind.»

Was auch noch bleibt …
«Miese Schulstunden gehen hoffentlich vergessen, fiese Worte einer Lehrkraft oder eines Mitschülers bleiben und können ein Leben lang schmerzen. Was auch noch bleibt, sind Bilder einer Zeit, in der man viel gelacht und gegeben hat, in der man zu einer verschworenen Gruppe zusammengewachsen ist – ja, musste, damit alles funktionierte. Das Selbstwertgefühl, eine Glanzleistung erreicht zu haben, wie alle meiner Klasse soeben erfahren durften, bleibt und dauert an, über die gesamte Schulzeit hinaus in ein Leben, das geprägt ist von Präsentation, Redegewandtheit, Show, Business und Showbusiness. Das alles haben sie mit einem vertretbaren Aufwand eingeübt und in sechs Vorstellungen auch dieses Jahr trotz Corona für 477 Besuchende zum Besten gegeben». Im zweiten Teil der diesjährigen Aufführungen durften die Schüler nach ihrem Auftritt wieder die Gäste bewirten. «Das war auch jedes Jahr ein Höhepunkt», berichtet Nydegger.
«Ich sehe die vergangene intensive Übungs- und Vorstellungszeit als Lebensschule, in der ein Kind aufblühen kann, sich bestätigt weiss in seiner Ausdrucksweise, Applaus erhält und so Selbstwert tankt, weil man ihm dankt.» Danken kann Nydegger dank seiner genauen Buchführung sehr konkret: «Danke allen 66 Schauspielerinnen und Schauspielern in ihren 190 Rollen bei insgesamt 69 Vorstellungen. Den 8893 Besuchern, sowie den 6 Frisier- und 7 Schminkfrauen, aber auch den 41 Eltern für die stets grossartige Unterstützung und das Vertrauen.»

Ein Vorhang wird zugezogen
Nach 13 Jahren verlässt Johannes Nydegger den Turbach und damit bleiben auch die Vorhänge fürs Schultheater zugezogen. Nydegger wird vieles vermissen, obwohl der Aufwand für ein Theater immer riesig war und alles erforderte: «Die Turbacher Schultheaterzeit ist für mich wie der Mörtel, der eine Trockenmauer dauerhaft verfestigt, der ‹wackelige› Steine in einem Verbund stabilisiert, der Widerstand bietet für die Herausforderungen der Umwelt.»
Sinkende Schülerzahlen haben den Ausschlag gegeben, die Oberstufe Turbach zu schliessen, sinkende Bereitschaft der Gesellschaft wird den Ausschlag geben, ganz vieles zu schliessen, was in den vergangenen Jahrzehnten an Lebensangeboten und -qualität aufgebaut worden ist.»

«I have a dream»
Nichtsdestotrotz, sein Traum, den er für den «Anzeiger von Saanen» am 29. Mai 2009 zu seinem ersten Turbach-Theaterstück «I have a dream» formulierte, wurde für Johannes Nydegger in den letzten 13 Jahren Wirklichkeit. «Ich habe einen Traum ..., dass eines Tages jedes Kind seinen Fähigkeiten entsprechend gefördert werden kann, jedes Kind Freunde findet und nicht mehr ausgeschlossen wird, und jedes Kind in der Schule integriert ist in seiner Einzigartigkeit.» Dies habe er insbesondere in seinem letzten Jahr wie auch in den anderen Jahren im Turbach so erlebt und dafür danke er Gott.

Mit dem letzten Turbach-Stück «Tröim» hat er nochmals ein Zeichen gesetzt (siehe Bericht im AvS vom 28. Mai) und die «neuen 4 Fs» ausgerufen: «Setzen wir uns alle ein, mehr Mut zu haben und die Welt eine Spur farbiger, frischer, freiheitlicher und ferwegener zu gestalten!»
Das wird seine Lebenseinstellung bleiben, auch wenn er den Turbach als Lehrer verlassen muss.

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