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Werden die Gemeinden Inhaber des Spitals?

Di, 08. Jun. 2021
Der zukünftige Gesundheitscampus Simme Saane. Noch in diesem Jahr soll eine Konsultativabstimmung stattfinden. ABBILDUNG: ZVG

Die Gesundheit Simme Saane AG (GSS) will mit dem Konzept «Gesundheitscampus Simme Saane» die langfristige Existenzgrundlage für das Spital Zweisimmen und die Grundversorgung im Simmental und Saanenland sicherstellen. Im November soll die Bevölkerung an einer Konsultativabstimmung die eingeschlagene Stossrichtung bestätigen. Die definitive Volksabstimmung ist 2022 geplant.

ANITA MOSER
«Wie viel ist der Bevölkerung ein Akutspital wert?» So titelte diese Zeitung im Herbst 2019 nach der Gründung der Trägergesellschaft Gesundheit Simme Saane AG. Am vergangenen Freitag orientierte die GSS über den Stand der Arbeiten, die Herausforderungen und den Zeitrahmen.

Gesundheitscampus Simme Saane mit Spital
«Wir möchten die Führung der integrativen Versorgung in der Region selbst in die Hand nehmen», betonte Stephan Hill, Präsident der GSS. «Wir möchten ein Haus bauen und es Gesundheitscampus Simme Saane nennen», so Stephan Hill. Gemäss dem Konzept sind das (noch zu gründende) Spital Simme Saane, Alterswohnen Simme Saane, Saane Simme Spitex sowie Simme Saane Geburtshilfe unter dem Dach der GSS vereint. Ambulante Medizentren würden nur gegründet, wenn in der medizinischen Grundversorgung kein genügendes Angebot durch Privatanbieter entstehe.

Die Gesundheit Simme Saane AG trägt im Auftrag der Aktionärgemeinden die strategiesche Führung dieser Einheiten. Eine so enge Vernetzung gebe es im Kanton Bern noch nicht. «Wir sind überzeugt, dass wir Synergien erzielen und neue Angebote entwickeln können», betonte Hill.

Spital Simme Saane AG
Die noch zu gründende Spital Simme Saane AG (SSS) sei eine eigenständige juristische Person, «die zu 100 Prozent im Besitz der GSS und somit im Besitz der Gemeinden im Oberen Simmental und Saanenland ist.» Die Spital Simme Saane soll die stationären und ambulanten Angebot der Spital STS AG am Standort Zweisimmen übernehmen und den operativen Betrieb durch einen Zusammenarbeitsvertrag mit der STS gewährleisten. Das entspreche dem Wunsch der Spital STS, mit dem Spital nicht mehr an der Front zu stehen, sondern es der Region zu übergeben, erklärte Hill. Das bedeute, dass die Gesundheit Simme Saane bei Anpassungen des Leistungsangebotes mitreden und mitbestimmen könne. «Wir möchten uns auch profilieren als Ausund Weiterbildungsstätte für medizinische, paramedizinische Berufe», so Hill. «Und wir möchten Versorgungsleistungen auch fürs Alterswohnen erbringen.»

Spital: Basispaket wie bisher
Gemäss dem Konzept bleibt das aktuelle medizinische Angebot im Wesentlichen bestehen mit dem Basispaket Innere Medizin, Chirurgie, Ambulante Sprechstunden, 24h-Notfall während 365 Tagen, Dialysen, Sprechstunden usw. Bezüglich Sprechstunden sieht Hill ein gewisses Entwicklungspotenzial.

Alterswohnen, Spitex, Geburtshilfe
Integriert werden soll auch das Alterswohnen. Gemäss dem Konzept geht sie via GSS ins Eigentum der Gemeinden über. «Wir möchten alle Aktivitäten übernehmen und vor allem im pflegerischen Setting eng mit dem Spital und der Spitex zusammenarbeiten», erklärte Hill. Wir möchten gemeinsame Personalplanungen machen und wir glauben, dass wir für das Pflegefachpersonen ein attraktives und innovatives Umfeld schaffen können.»

Auch die Spitex soll integriert werden. «Führungsmässig», wie Hill präzisierte. «Alle Betriebe haben eine sehr gute operative Führung, daran möchten wir nichts ändern.» Gemäss der Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion (GSI) gebe es pflegerische Bedürfnisse, die im Kanton Bern nirgends erbracht, aber durch den Kanton Bern finanziert werden. «Wir sehen Potenzial, zusammen das eine oder andere zu übernehmen oder Neues zu entwickeln».

Integriert werden soll auch die Geburtshilfe. Zum einen werde das Defizit übernommen, zum anderen soll die Maternité auch physisch in den Neuoder Umbau integriert werden. Ein Kooperationsvertrag mit der STS und der fmi regle die Zusammenarbeit in Notfallsituationen.

Stand heute
Mit der Spital STS AG und der GSI steht die vierte Verhandlungsrunde an. Die Spital STS AG sehe sich nicht als Bauherrin für einen Neu- oder Umbau des Spitals. Bauherrin ist eine noch zu gründende Immobiliengesellschaft unter dem Dach der Aktionärsgemeinden. Die STS habe bekräftigt, dass sie bereit sei, einen jährlichen Fixbetrag von 2,5 Millionen Franken an das Defizit zu übernehmen – so lange sich der Kanton ebenfalls beteilige. Die GSI habe signalisiert, dass man mit ihr reden könne, sollte das Defizit höher ausfallen als die prognostizierten 5 bis 6 Millionen Franken. Eine Herausforderung wird die Integration der Alterswohnen AG. «Die STS ist derzeit nicht bereit, diesen Bereich zur Diskussion zu stellen», betonte Hill. Positiv zum Konzept stünden die Spitex Simme Saane und die Maternité Alpine. «Wichtig für die Region ist, dass das Simmental und das Saanenland in der Gesundheitspolitik mit einer Stimme sprechen, dass sie gemeinsam bestimmen, wohin der Weg führt», so Hill. Integrierte Versorgungsmodelle über die gesamte Versorgungskette würden vom Kanton gefördert. «Damit sind wir mit unserem Anliegen ganz auf der Linie, was der Kanton anstrebt.»

Spitalneu- und Umbau
«Mit dem Um- oder Neubau des Spitals möchten wir eine modulare Bauweise anstreben, damit wir die Flexibilität für Anpassungen haben», so Hill. Und was ganz wichtig sei: «Wenn sich die Gemeinden beim Bau beteiligen, haben sie auch einen bleibenden Gegenwert an Infrastruktur.»

Als Basis für die Finanzierung des Betriebs hat man die Zahlen vom Neubauprojekt Dr. House übernommen. Ende 2020 wies das Spital einen Aufwand von 25 Millionen aus sowie selbsterbrachte Leistungen von 19,5 Millionen Franken, was ein Defizit von 5,5 Millionen Franken ergibt. Die STS hat einen fixen Defizitbetrag von 2,5 Millionen Franken zugesagt, der Kanton Bern 2 Millionen Franken. «Das bedeutet, dass die Gemeinden letztes Jahr 1 Millionen Franken hätten bezahlen müssen», so Hill. Bleibt es bei diesen Zahlen, müssten die Gemeinden jährlich im Durchschnitt 100 Franken pro Einwohner an das Defizit leisten.

In anderen Kantonen sei es bereits üblich, dass die Spitalversorgung von Gemeinden mitfinanziert werde, erklärte Hill und nannte als Beispiel das Gesundheitszentrum Unterengadin in Scuol, welches in einer rechtlichen Einheit die Angebote vom Spital über Spitex und Altersheim integriere. Der Kanton Graubünden habe sich 2019 mit 1,5 Millionen Franken beteiligt, die Gemeinde mit einem Defizitbeitrag von 880’000 Franken. «Im Sarganserland prüfen Gemeinden den Erwerb des Spitals Walenstadt, um eine drohende Spitalschliessung abzuwenden.»

Gesundheitscampus Simme Saane ohne Spital
Stephan Hill stellte auch die Variante ohne Spital vor. Beinhalten würde diese das Gesundheitszentrum Simme, Alterswohnen Simme Saanen, Saane Simme Spitex, Simme Saane Geburtshilfe sowie in Saanen subsidiär das Gesundheitszentrum. «Die Variante basiert auf ambulanter Versorgung, aber die Integration möchten wir genau gleich umsetzen», so Hill. «Wir würden hausärztliche Grund- und Notfallversorgung anbieten und ambulante Spezialsprechstunden.» Der ärztliche Notfalldienst wäre während den Öffnungszeiten sichergestellt, der Notfalldienst über die Nacht und an Wochenenden würde durch Assistenzärzte der Spital STS AG und weitere Externe sichergestellt. Nicht mehr gegeben sei aber die Existenzgrundlage der heutigen Materinté Alpine.

Eine Spitalschliessung hätte direkte Kosten zur Folge. «Wir gehen von einem Stellenabbau von 70 Arbeitsplätzen aus, wir hätten keine wohnortsnahe stationäre medizinische Unfall- und Grundversorgung, die Bevölkerung hätte höhere Transportkosten zu tragen, die Region würde an Attraktivität als Wirtschafts- und Tourismusstandort verlieren und der Fachkräftemangel in anderen Branchen könnte sich zuspitzen.»

In zwei Etappen vors Volk
Im November ist eine Konsultativabstimmung geplant. «Nach einer Konsultativabstimmung können wir den einen oder anderen Punkt nachjustieren», erläuterte Hill. Die definitive Abstimmung ist 2022 geplant. Frühestens 2023 könnte mit dem Bau begonnen werden, ab 2024 würde die Defizitübernahme für die Geburtshilfe greifen und ab 2027 könnte der Campus eröffnet werden.

«Es brauche noch viele Gespräche mit den Gesundheitspartnern», betonte Hill. Die Spital STS AG, der Verein Spitex Saane Simme und die Genossenschaft Maternité Alpine wurden über das Vorhaben vorinformiert, ebenfalls die Vertreter/innen der Aktionärgemeinden sowie die Grossräte und Nationalräte aus der Region. Nun wolle man mit allen Gesundheitspartnern den Austausch intensivieren und Integrationsmöglichkeiten besprechen. «Wir sind in einer Phase mit vielen Detailfragen», sagte Albin Buchs, Co-Präsident der Bergregion Obersimmental-Saanenland. «Es ist eine Herausforderung für uns, aber auch für den Kanton.»

Positives Echo
Von den Gemeinden sei das Konzept gut aufgenommen worden, erklärte Toni von Grünigen, Co-Präsident der Bergregion. Ebenso von der Spitex und der Maternité. «Es ist nicht so, dass regelmässig Leute aus der Bevölkerung auf mich zukommen mit Fragen und Anregungen zu diesem Thema», antwortete von Grünigen auf eine entsprechende Frage. Aber das werde sich bis zur Konsultativabstimmung wohl noch ändern. Vor dieser sollen in den beiden Regionen noch Informationsveranstaltungen stattfinden. «Wir können gar nichts machen, wenn die Bevölkerung nicht dahintersteht», betonte Hill.

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