Mit dem Webschiffchen auf zu neuen Ufern

  01.04.2022 Saanen

Auch nach Veronika Bachs Pensionierung wird die traditionelle Handwerkskunst des Webens im Heimatwerk Saanen weitergepflegt. Die Wahl des richtigen Materials stellte den Tastsinn der Mitarbeiterinnen in Wahrnehmungstests auf die Probe und führte zu überraschenden Ergebnissen.

KEREM S. MAURER
Das Weben gehört, wenn man Wikipedia Glauben schenkt, nach der Holzund Steinbearbeitung zu den ältesten Handwerken der Menschheit und gilt seit 32’000 Jahren als nachgewiesen. Ob die Tradition auch im Saanenland so weit zurück reicht, soll an dieser Stelle nicht erörtert werden, aber: Ein altes Schild über dem Eingang zum Heimatwerk Saanen weist darauf hin, dass sich die im Jahr 1928 gegründete Hausweberei Saanen 1931 dort eingerichtet hat. Und der Satz aus der Gründerzeit der Hausweberei «In vielen Saaner Bauernstuben stand ein selten gebrauchter Webstuhl», gefunden in der Broschüre zum 75-jährigen Bestehen des Heimatwerks Saanen aus dem Jahr 2003, legt den Verdacht nahe, dass schon vor 1928 in Saanen gewebt worden ist. Und diese Tradition soll auch nach der Pensionierung von Veronika Bach Ende März 2021 fortgesetzt werden. «Nach unendlich vielen gewobenen Teppichen und Nähstunden wünschen wir Veronika Bach für den nächsten Lebensabschnitt nur das Beste, vor allem gute Gesundheit und viel Gfrö- its», schreibt Präsidentin Christa Cairoli im aktuellen Geschäftsbericht.

Qualifizierte Schweizer Weberin
Dass sich gewobene Produkte steigender Beliebtheit erfreuen, zeigen laut Brigitte Freidig die positiven Reaktionen sowie das Interesse der Kundinnen und Kunden im vergangenen Geschäftsjahr. Nur woher soll man eine gut ausgebildete Weberin nehmen? «Wie durch ein Wunder», so steht es im Geschäftsbericht weiter, habe man nach langer Suche in der Person von Charlotte Engstad eine gut ausgebildete Schweizer Weberin gefunden, die sich nach vielen Jahren in Norwegen neu in Zweisimmen niedergelassen hat. Man konnte sich mit ihr einigen, womit schon mal ein grosses Problem gelöst wurde.

Augen zu und fühl mal!
Doch auf welche Produkte soll man setzen und wie fein oder grob sollen die gewobenen Unikate sein? Um Antworten auf letztere Fragen zu finden, machten die Mitarbeiterinnen des Heimatwerks quasi eine Blindverkostung. Mit geschlossenen Augen befühlten und ertasteten sie zahlreiche Webmuster aus verschiedenen hochwertigen Materialien und bewerteten diese in puncto Dicke und Feinheit. Die drei Webmuster mit der höchsten Punktzahl wurden gewählt. «Interessant am Ergebnis war, dass wir alle unabhängig voneinander dieselben drei Favoriten hatten», erinnert sich Brigitte Freidig an dieses Experiment, das für alle Beteiligten eine völlig neue Wahrnehmungserfahrung war.

Schals und Stolen
Man einigte sich darauf, mit Schals und Stolen aus Merinowolle im letzten Winter zu starten. Es stellte sich also die Frage, welche Farben Frau und Mann im Winter tragen und welche Muster dann in sein werden. Zwei oder drei Fäden pro Knopf? Weisser oder schwarzer Zettel? Und: Wie lang sollen die Schals und Stolas werden? Die Möglichkeiten schienen zahllos. Und hinsichtlich des kommenden Sommers wird es ähnlich herausfordernd. Die Sommer-Farbkarten der Anbieter sind noch nicht da, die Garne sind noch nicht gefärbt. Und kann letztlich alles, was bestellt wird, auch geliefert werden? Schliesslich beeinträchtigt das Coronavirus noch immer – und womöglich schon bald wieder aufs Neue – zahlreiche Lieferketten. «Wir brauchen Geduld und Nerven!», sagt Brigitte Freidig, doch das Prozedere mache ihr dennoch grossen Spass. Und man wartet mit Spannung darauf, wie die neuen Produkte letztlich aussehen werden und ob sie Abnehmerinnen und Abnehmer finden. «Mit den Winterschals hat es jedenfalls gut geklappt!», freut sich die Geschäftsführerin.

Enorm aufwendig
Haben Sie gewusst, dass es bis zu zwanzig oder sogar dreissig Stunden dauern kann, bis ein Webstuhl fertig eingerichtet und bereit fürs Weben ist? Und dass, wenn ein Produkt fertig gewebt ist, die finalen Arbeiten wie das Einfügen von abgerissene Fäden von Hand ins Gewebemuster, Filzen, Schneiden und Bügeln folgen? In einem gewebten Produkt steckt ganz viel Handarbeit und Können. Mal abgesehen von den hochwertigen Rohstoffen. Doch der Aufwand lohne sich, findet Brigitte Freidig. Die Winterschals seien bestens gelungen und hätten sich gut verkauft. Jetzt darf man auf die Sommerschals und Stolen aus dem Webstuhl gespannt sein und auch darauf, zu welchen neuen Ufern die altehrwürdigen Webschiffchen sonst noch unterwegs sind.


ORDENTLICHE GV 2022

Seit Oktober 2021 ergänzt Käthi Riedo aus Zweisimmen das Team, Patricia Walker feiert ihr 10-jähriges Jubiläum und Sonja Kronig hat das Team Ende Jahr aus gesundheitlichen Gründen verlassen.

Sandra Matti wird als Vizepäsidentin wieder und Larissa Reinhard als Revisorin neu gewählt.

Die Erfolgsrechnung weist einen Gewinn von 2494.82 Franken aus. Damit ist der Gewinn verglichen mit dem Vorjahr (20’240.44 Franken) deutlich geschrumpft, was nicht zuletzt mit Massnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus begründet wird.


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