Weihnachtsgeschichte
23.12.2025 LeserbeiträgeDieses Jahr will sich keine Weihnachtsstimmung einstellen. Obwohl ich die Festtage so gerne habe. Ich habe das Haus dekoriert, die Weihnachtsgüetzi gebacken, die Geschenke schön verpackt. Ich bin bereit. Ich weiss nur nicht so recht, für was? Was erwarte ich von Weihnachten? Einen ...
Dieses Jahr will sich keine Weihnachtsstimmung einstellen. Obwohl ich die Festtage so gerne habe. Ich habe das Haus dekoriert, die Weihnachtsgüetzi gebacken, die Geschenke schön verpackt. Ich bin bereit. Ich weiss nur nicht so recht, für was? Was erwarte ich von Weihnachten? Einen magischen Moment? Schönes und Aufrichtiges erleben? Weihnachtszauber?
Alle schönen Weihnachtsgeschichten fangen mit etwas Elendigem an. Einem Menschen, ganz allein, hungrig, ohne Familie, ohne Dach über dem Kopf, vielleicht krank. Ein anderer Mensch nimmt ihn und sein Elend auf, alle sind froh, dankbar und beseelt. Weihnachtsgeschichten enden immer am Heiligen Abend, ihrem jeweiligen Höhepunkt. Fortsetzungen gibt es nicht. Weil wir die nicht wollen und vielleicht auch nicht ertragen.
Die Realität ist anders, die schenkt uns nichts. Kriege werden an Weihnachten nicht unterbrochen, Geschäfte laufen auf Hochtouren weiter, der Alltag will gelebt werden. Wir kapseln uns ab, feiern mit unseren Engsten, die Obdachlosen werden staatlich oder von der Heilsarmee verköstigt, unser Haus ist noch geschlossener als sonst. Wir wollen einander nicht beim Feiern stören. Es gibt nichts Schöneres, als die Familie um sich zu haben, sagen wir zueinander und meinen es meistens – mindestens vorgängig – auch so. In unserer Vorstellung herrscht in den hell erleuchteten Wohnungen eine festliche, harmonische Stimmung, nur strahlende Gesichter spiegeln sich im polierten Fondue-Chinoise-Caquelon. Familien finden zusammen, alle sind adrett angezogen, die Kinder brav und dankbar, die Beleuchtung elektrisch, der Grossvater trägt ein blinkendes Elchgeweih im Haar. Das Essen ist das grosse Verbindende, das Zentrale. Die Geschäfte helfen dabei, kreieren das Menü, drucken Rezepte und verkaufen farblich passende Servietten dazu. Sie zwingen uns in Bildern eine Erwartung und Sehnsucht auf, die sich dann doch nicht erfüllt. Weil der Mensch eben nicht aus Hochglanz besteht.
Als Pflegefachfrau bei der Spitex weiss ich nur zu gut, dass es auch anders sein kann. Ich gehe von Haus zu Haus und sehe Krankheit, Abhängigkeit, Schmerzen und Einsamkeit. Und die machen Weihnachten nicht leichter.
Ich besuche Schwester Rosa, wie schon manches Mal zuvor. Schwester – darauf legt sie grossen Wert –, sie ist eine Krankenschwester der ersten Stunde. Die Bezeichnung «Pflegefachfrau» ist für sie der definitive Beweis, dass es mit dem Berufsstand bergab geht. Schwester Rosa ist nie zufrieden. Sie mag nichts, vor allem mag sie sich selbst nicht. Sie mag auch ihre Wohnung nicht, sie mag die Menschen nicht, sie mag ihr Leben nicht, sie mag die Sommerzeit nicht und auch die Winterzeit nicht, weil sie dann wieder umstellen muss. Sie mag kein Essen und keine Geschenke. Sie weist alles zurück, hadert mit dem Leben und der Welt und kann Beidem nichts abgewinnen. Nicht einmal sterben kann sie, leben aber irgendwie auch nicht. Ihre Situation bedrückt mich, es ist meiner Weihnachtsstimmung nicht förderlich. Ich möchte ihr gerne etwas abnehmen, von ihrer Last, schliesslich ist bald Festzeit.
«Was machen Sie an Weihnachten?», wage ich zu fragen. «Hören Sie auf mit Weihnachten», faucht sie, «das ist die schlimmste Zeit des Jahres. Ich gehe ins Bett und warte, bis es vorbei ist.» Ich hätte es mir denken können, trotzdem überreiche ich ihr eine kleine Büchse mit selbstgebackenen Weihnachtsgüetzi. «Die können Sie gleich wieder einpacken, die esse ich nicht. Man weiss nie, ob die Leute sich vor dem Backen die Hände waschen», kommt es prompt und böse. Ich packe die Büchse wieder ein, dazu gibt es nichts zu sagen.
Schwester Rosa zetert weiter über Weihnachten und die Heuchelei, die schlechte Welt; sie speit Gift und Galle. Ich versuche, mich zu bewahren vor all dem Schlechten, denke mir eine dicke Schutzschicht um mich herum, verbinde ihre Wunden und wickle die Beine ein. Als ich mich verabschiede, sage ich zu ihr, dass ich nicht wisse, was ich ihr wünschen solle. Frohe Weihnachten wohl kaum. «Nichts», sagt sie, «schweigen Sie einfach, es gibt nichts zu wünschen.» Ich schaue sie an, erkenne eine grosse Trauer in ihren Augen, eine Verletzlichkeit und Verzweiflung, gleichzeitig ist da eine Mauer, die ich nicht durchbrechen kann.
Ratlos verlasse ich das Haus und denke, dass diese Geschichte nicht schön endet. Keine Weihnachtsgeschichte. Als ich bei meinem Auto ankomme, öffnet sich ein Fenster und eine dünne Hand winkt zwischen den Jalousien. «Schwester, Schwester», ruft Schwester Rosa, «kommen Sie nochmals, ich habe etwas vergessen.» Ich steige die Treppe wieder hoch und trete erneut ein. Schwester Rosa steht verloren im Gang und schaut mich an. «Ich äh, also ich, wie soll ich sagen, ich wollte nur…». Das kann dauern, denke ich und setze mich auf den Garderobenstuhl.
Ich lasse ihr Zeit, die Wörter zu suchen und zu finden. «Sie meinen es ja gut», bricht es aus ihr hervor, «ich wollte nicht…». Sie bricht ab, kann nicht mehr sprechen. Ich stehe auf und nehme Schwester Rosa in den Arm. Sie beginnt zu weinen, und ich weine mit. Ich halte sie in den Armen, bis sie aufhört zu schluchzen und sagt: «Mich hat noch nie jemand umarmt.» Wir schauen einander an und schweigen.
Ich verlasse das Haus in der Meinung, vielleicht etwas verändert zu haben. Und in der Gewissheit, dass dies weihnachtliche Momente sind. Es braucht nicht mehr. Vielleicht kann Weihnachten auch miteinander weinen sein. Meine gute Stimmung hält bis zum nächsten Besuch an. Schwester Rosa schimpft wie eh und je, vorbei ist die Nähe, zurück ist der Schmerz. Schade, dass die Lebensgeschichten nicht auch dann aufhören, wenn sie am schönsten sind. Dass sie nicht in Hochglanzprospekte passen.
Trotzdem bin ich dankbar, meinen Weg weitergehen zu können, Schwester Rosa noch viele Male zu besuchen und vielleicht Weihnachten doch noch zu erleben. Mit ihr. Die Hoffnung ist es, die uns durch die Festzeit trägt.
Elisabeth Kohler
