Gstaad beherbergt Löwen, Büffel und andere Wildtiere

Fr, 28. Dez. 2018
Nashorn auf der Palace-Terrasse FOTOS: ÇETIN KÖKSAL

An verschiedenen Orten in und um Gstaad begegnet man 14 Tierplastiken und Gemälden des Künstlers Davide Rivalta. Die Werke stehen oder hängen auf der Wiese des Le Grand Bellevue, in der Promenade, im Park Gstaad, im Garten des Gstaad Palace sowie auf dem Eggli und können bis zum 10. März 2019 besichtigt werden.

ÇETIN KÖKSAL
Die mit dem Titel «Kronzeugen» versehene Ausstellung beschert allen Besuchern eine ungewohnte Überraschung. Jedermann wird hier früher oder später mit einem der Exponate konfrontiert. Wer nach dem Einkauf in der Migros sein Auto in der Einstellhalle lässt und noch schnell zu Fuss beim Beck im Dorf ein frisches Brot holen geht, dem kommen auf der Linken drei stolze Löwenmännchen entgegen. Vor der BEKB warten dann auch schon die Wölfe auf ihr trödelndes Rudelmitglied, das noch immer vor dem Tourismusbüro herumschnüffelt. Man fragt sich kurz, ob sie die Bank bewachen und ob sie einen überhaupt an den Bankomaten lassen. Hat Davide Rivalta diesen Ort bewusst mit einem Augenzwinkern ausgewählt? Sollen die «Wolves of Promenade» einen kleinen, lokalen «Wolf of Wallstreet» verhindern?

Luxushotels und Eggli
Die drei Büffel erkunden den Garten des Gstaad Palace, ohne jedoch dem Nashorn je zu nahe zu kommen. Denn auch sie wissen natürlich, dass dieser gewichtige Dickhäuter mitunter zum Aggressivsten gehört, was man in freier Wildbahn antreffen kann. Also lassen sie ihn in Ruhe sein Bad im Teich der Hotelterrasse nehmen. Schlecht gelaunten, unzufriedenen Gästen sei übrigens wärmstens empfohlen, sich ungehobelte Ausbrüche gut zu überlegen. Gerade dieses Nashorn sei sehr reizbar und – einmal so richtig in Fahrt – kaum aufzuhalten. Wenn also das Chateaubriand beim Diner einen Hauch zu «saignant» für das delikate Geschmacksempfinden sein sollte: einfach geduldig kauen, runterschlucken und hoffen, der Dickhäuter auf der Terrasse habe das etwas missmutige Verziehen der Gesichtsmuskeln übersehen.

Wintersportler und Ausflügler auf dem Eggli können da ein kleines bisschen entspannter auf Tuchfühlung gehen. Der Adler beim Bergrestaurant überlegt sich gerade, wohin sich ein Beuteflug lohnen mag, und der Bär in der Nähe der Sesselliftbergstation sucht nach Essbarem unter der Schneedecke. Doch man bilde sich nur ja nichts ein – sollte er nichts finden, wird er wohl oder übel einen vorbeisausenden Skifahrer packen müssen.

Im Park Gstaad haben sich zwei Adler, ein Rottweiler und ein Gepard verschanzt. Alle vier scheinen sie die Kälte dermassen zu fürchten, dass sie die wohlige Wärme des Hotelinneren nicht mehr verlassen wollen. Gäste und andere Besucher seien gewarnt. Wie man hört, haben es besonders dem Gepard die edlen Tropfen des Weinkellers angetan. Macht man ihm «seine» Flaschen streitig, kann Alkohol wirklich sofort tödlich sein.

Davide Rivalta
Der in Bologna geborene Künstler lebt und arbeitet in seiner Heimatstadt. Er studierte an der Accademia di Belle Arti, wo er heute Skulptur unterrichtet. Auf die Frage, wie er denn auf die Idee gekommen sei, Wildtiere als Sujets zu wählen, antwortet Davide Rivalta sinngemäss folgendermassen: «1998 nahm ich an einem Wettbewerb teil, an welchem der Gewinner seine Werke im Hof des Justizpalastes von Ravenna ausstellen durfte. Meine Gorillas gewannen den ersten Preis und das war der Anfang einer langen Tierliebe …» Der Künstler betont, dass er jedes Original seiner Abbilder aus Bronze, Edelstahl oder Aluminium persönlich kennt. In einem nahe Bologna gelegenen Wildpark beobachtet und studiert er sie eingehend, bevor sie unter seinen Händen zu skulpturalen Doppelgängern werden. Seine Werke wurden unter anderem in Modena, Rom, Nagoya und Antibes ausgestellt.

Crowdfunding
Was 2017 in Antibes begann, fand zuerst in Neuenburg und jetzt hier in Gstaad eine schöne Fortsetzung. Davide Rivalta mag es, seine wilden Tiere im urbanen Raum auszusetzen, um die Menschen zu überraschen und ihnen ungewöhnliche Begegnungen zu ermöglichen. Vielleicht hilft es ja dem einen oder anderen geschäftigen Stadtmenschen, sich der wilden Ursprünge der Menschheit etwas bewusster zu werden. Die Bürgerinnen und Bürger von Neuenburg haben dies getan und wollten ihre liebgewordenen, neuen Mitbewohner nicht mehr hergeben. Eine mit viel Engagement durchgeführte Crowdfunding-Aktion hat dazu geführt, dass dank vieler einzelner Beiträge von ungefähr 100 Franken die benötigte Summe für den Kauf der Skulpturen weit übertroffen wurde. Die Spender haben ihre anfängliche Angst und Skepsis gegenüber den fremden «Immigranten» überwunden und der Stadt Neuenburg ermöglicht, jene völlig friedlich zu «integrieren». Wäre dies nicht auch eine verlockende Option für Gstaad? Ein Wolfsrudel in der Promenade, an dem sich jeder Spitzenjäger die Zähne ausbeisst …?

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