Nach dem Lockdown geht es weiter

Fr, 24. Jul. 2020
Immer weitergehen … heisst es auch für die Unternehmen im Saanenland. FOTO: SONJA WOLF

Seit dem 11. Mai dürfen alle Läden wieder Kundinnen und Kunden bedienen. Der Lockdown hat alle Branchen kalt erwischt, die einen mehr, die anderen weniger. Doch eines haben die Saaner Unternehmungen gemeinsam: Sie blicken optimistisch in die Zukunft.

KEREM S. MAURER
Die Unternehmen im Saanenland nach dem Lockdown in Gewinner und Verlierer einzuteilen, wäre zu einseitig und würde der Situation kaum gerecht werden. Gewisse Konsequenzen des heruntergefahrenen gesellschaftlichen Lebens infolge von Covid-19 hat jedes Unternehmen, egal wie gross oder in welcher Branche es ist, getroffen. Das ist nicht wegzudiskutieren. Doch nicht alle sind von den Auswirkungen gleich hart getroffen worden. Einzelne Branchen sprechen sogar vom besten Frühling aller Zeiten, weil die Ortsansässigen und zahlreiche Chaletgäste während der Zwischensaison im Frühling im Saanenland geblieben sind. Andere blicken bange in die Zukunft, hoffen und glauben daran, dass im nächsten Jahr alles wieder besser wird.

Zweiradbranche im Aufwind
Laut einer Medienmitteilung der Schweizerischen Fachstelle für Motorrad und Roller erlebte die motorisierte Zweiradbranche ein «sensationelles erstes Verkaufshalbjahr». Sven Ambort von Moto Ambort Feutersoey bestätigt diesen Trend. «In Zeiten des Lockdowns bedeutete Motorradfahren eine gewisse Freiheit», sagt er auf Anfrage und führt zwei wichtige Faktoren für den positiven Trend der Branche ins Feld: Ab nächstem Jahr muss jede und jeder, wer einen schweren Töff fahren will, für die nach oben offene Klasse eine separate Prüfung ablegen. Dies könnte den einen oder anderen dazu veranlasst haben, noch in diesem Jahr die Motorradprüfung zu absolvieren. Und zum Zweiten könne er sich vorstellen, dass viele Leute, die normalerweise im Frühling im Ausland in den Ferien weilten, ihr Reisebudget ins Motorradfahren investiert haben. Auch die unmotorisierte Zweiradbranche sieht das ähnlich. Beatrice Reuteler, Geschäftsführung und Administration bei Bikesport Reuteler GmbH Saanen, spricht von einem guten Geschäftsgang im Frühling. Sie betont auf Anfrage, dass die Werkstatt schon während des Lockdowns gut ausgelastet war. Beatrice Reuteler: «Insbesondere im Freizeitbereich hat der Umsatz zugenommen.»

90 Prozent der Chaletgäste waren da
Die Verkaufspunkte von Earlybeck Boulanger Confiseur in Gstaad und Saanen liefen trotz Corona gut. Doch musste das Unternehmen durch die Massnahmen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zur Eindämmung der Verbreitung des Coronavirus Einbussen in Kauf nehmen, gerade wegen der angeordneten Schliessung der Tearooms. Dennoch zieht Inhaber und Geschäftsführer Eric Oehrli eine positive Bilanz betreffend den vergangenen Frühling. «Es waren viele Leute im Saanenland, Einheimische wie Chaletgäste. Unsere Mitarbeitenden meisterten die Herausforderungen, damit jederzeit die Vorgaben eingehalten und das Backhaus und die Geschäfte offen bleiben konnten.» Ähnlich positiv sieht dies auch Robert Bratschi, Inhaber und Geschäftsführer der Buure Metzg AG. Er beziffert die Anzahl der hier gebliebenen Chaletgäste auf 90 Prozent und bilanziert ebenfalls positiv. Aber: Diese Gäste konnten den durch die geschlossene Gastronomie erlittenen Verlust nicht ganz wettmachen. Dadurch, dass sie einen Gratis-Heimlieferdienst während des Lockdowns aufrechterhielten, konnten sie den Einbussen entgegenwirken. «Wir hatten grosse Einschränken – es gab schon schönere Zeiten», so Bratschi.

Mit einem blauen Auge davongekommen
«Acht Wochen geschlossen haben, kann man nicht mehr aufholen», gibt Christoph Romang, Geschäftsführer Schuhhaus Romang Gstaad, zu bedenken. Auch er betont, dass ab Mitte Mai dank den Ortsansässigen, den im Saanenland verbliebenen Chaletgästen, dem schönen Wetter und nicht zuletzt auch den neuen Gästen, die vielleicht zum ersten Mal nach Gstaad gekommen sind, gute Umsätze erzielt wurden. «Dabei hat uns sicher geholfen, dass wir seit 107 Jahren eine gute Bekanntheit haben», sagt Romang und ergänzt hinsichtlich der eher unsicheren Corona-Zukunft: «Wenn es so bleibt, sind wir mit einem blauen Auge davon gekommen.»

Kein «Jahr der Reisen»
Dass die Reisebranche stark unter Druck geraten ist, ist spätestens seit dem Interview mit Globetrotter-Chef André Lüthi in der Samstagsrundschau des Schweizer Fernsehens vom 11. Juli kein Geheimnis mehr. Für Sonja Kübli, Reiseverantwortliche bei Kübli Reisen Gstaad-Saanenland, «ist es nicht das Jahr der Reisen». Sie bezeichnet es als Glück im Unglück, dass ihr erstes Standbein die Postautos sind und sie mit der Post einen starken Partner haben. Denn die Carreisen mussten in diesem Jahr praktisch alle abgesagt oder auf nächstes Jahr verschoben werden. Nach dem Lockdown konnte sie keine Einbussen wettmachen. «Auch viele Vereinsreisen und Lokalfahrten mussten abgesagt werden», sagt Sonja Kübli. Nicht zuletzt zum Leidwesen der Aushilfschauffeure, die zu einem grossen Teil im Stundenlohn beschäftigt sind und wegen der fehlenden Aufträge nur selten zum Einsatz kommen. Und sie ergänzt, dass zwischenzeitlich die Nummernschilder der Reisecars abgenommen wurden.

«Uns geht es den Umständen entsprechend gut», sagt Patrick Eggenberg, Geschäftsführer der Reisebüro Eggenberg - TW AG in Saanen. Doch anstatt Reisen zu buchen, seien sie in den letzten Monaten daran, Buchungen zu stornieren. Aber nicht nur: Es gebe auch neue Buchungen, die allerdings hauptsächlich die Schweiz und den Schengenraum beträfen. Das Überseegeschäft dürfte in diesem Jahr ausfallen, grosse Umsatzeinbussen müssen in Kauf genommen werden. «Wir haben zum Glück in den letzten Jahren gut und seriös gearbeitet. So hoffen wir, einigermassen unbeschadet aus dieser Krise herauszukommen», sagt er. Und: «Wir werden versuchen, Lehren daraus zu ziehen und es positiv zu sehen!»

 

 

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