Lauschen und ringsherum alles vergessen

Di, 11. Aug. 2020
Sol Gabetta und Alexander Melnikov bieten Beethoven dar. FOTO: COPYRIGHT GSTAAD DIGITAL FESTIVAL

Da ist einfach nichts anderes mehr wichtig, wenn Sol Gabetta und Alexander Melnikov Cellosonaten spielen. Die eineinhalb Stunden Musik im Rahmen des diesjährigen Pop-up-Menuhin-Festivals am Sonntag in der Kirche Saanen waren ein uneingeschränkter Genuss – sei es vor Ort oder digital von zu Hause aus.

LOTTE BRENNER
Die beiden Sonaten 1 F-Dur, op.5 Nr.1 und Nr. 5 D-Dur, op. 102 Nr. 2 für Cello und Hammerflügel von Ludwig van Beethoven bieten für beide Instrumente wundervolle Möglichkeiten, nebeneinander und miteinander zu musizieren, zu kommunizieren. Sie liegen zeitlich und stilistisch auseinander, was mit der Klavierauswahl von Alexander Melnikov noch hörbarer zum Ausdruck gebracht wurde. Der Walter-Hammerflügel, auf welchem er in der ersten Sonate spielte, tönte leicht und filigran, mal neckisch, mal sprudelnd rassig. Melnikov schöpfte alle Schönheiten der Klassik aus, seine Verzierungen waren bis ins Detail sauber ausgearbeitet – er zeigte die Spielfreude offen. Der Graf-Hammerflügel dagegen unterstrich das Eindringliche, Erschütternde, das in der zweiten Sonate in von Beethoven gewohnter Schicksalshaftigkeit durchsickert. Warm und ausdrucksvoll bespielte ihn der vielfältige Pianist.

Auf demselben Instrument von Graf wurde die «Grande Sonate» von Ferdinand Ries, g-moll, op. 125 dargeboten. Dieser Flügel tönte gewichtiger, voller. Und stimmlich besonders schön erklangen im ersten Satz die Sopransaiten singend hell. Mit diesem Werk vom Schüler und Weggefährten Ludwig van Beethovens gelang eine reizvolle Verbindung der beiden ungleichen Sonaten von Meister Beethoven. Zwar erinnert einiges an den Lehrmeister, und doch geht Ries eigene Wege. Er zeigt eine Fülle eigener musikalischer Einfälle, sei es aus der Tiefe heraus oder übermütig tanzend, in ungestümer Freude.

Raum fürs Instrument
In einem Radiointerview sagte Sol Gabetta kürzlich, dass sie der Corona-Pause eigentlich auch Gutes habe abgewinnen können. Es habe ihr «mehr Raum fürs Instrument» gegeben. Sie habe sich mehr mit dem Cello auseinandersetzen können, ohne von Termin zu Termin zu eilen. Dabei ist eine Steigerung einer Seelenverschmelzung der Cellistin mit ihrem Instrument kaum mehr denkbar. Dem Stradivarius «Suggia» aus dem Jahre 1717 (zur Verfügung gestellt durch die Stradivarius-Stiftung Habisreutinger), welches sie für das Programm in der Kirche Saanen in historischer Stimmung (430Hz) und mit Darmsaiten eingerichtet hat, gab sie sich völlig hin. Es ist schön, dass Sol Gabetta diese Zweisamkeit mit dem Cello, die sie in der Coronazeit noch vertieft hat, mit dem Publikum teilt.

Das war ein Konzertgenuss, bei welchem man nur noch abheben und alles ringsherum vergessen konnte. Mit einer Zugabe von Mendelssohns Lied ohne Worte, op. 109 nahm der Abend ein würdiges, stilles Ende.

Schade nur, dass das Publikum trotz der Anweisung, auf Bravorufe zu verzichten, sich nicht an die Corona-Anweisungen hielt. Auch das lautstarke Trampeln gehört doch eher in ein Fussballstadion als in die tolle Kirchenatmosphäre. Schliesslich wäre das sich Erheben ja auch noch eine Möglichkeit, Dank und Ehrerbietung auszudrücken.

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