Ungetrübte Freude auf der Konzertwanderung «Musique et Nature»

Di, 25. Aug. 2020
Beim «Mirage»-Spiegelhaus standen Evergreens und Tangos auf dem Programm des Bläserquartetts «Reeds in Motion».

Weder der Wind noch die ungewohnte Geräuschkulisse konnte am vergangenen Sonntag das Glück der ersten von zwei musikalischen Wanderungen trüben. An fünf verschiedenen Stationen mitten in der Natur wurden anlässlich des Menuhin Pop-up-Festivals von Musikern des Gstaad Festival Orchestras und der IMMA Melodien von der Klassik über Jazz bis zum Tango gespielt.

Als der Wanderer am Sonntagmorgen auf dem Panoramaweg von Saanemöser nach Schönried unterwegs war, konnte er – getragen durch die etwas kühle Brise – undeutliche Musikfragmente und Klangfetzen hören. In der Ferne sah er mitten in der Natur unter weissen Sonnenschirmen eine Musikgruppe spielen und Leute auf Bänken sitzen. Ob es sich da wohl um einen dieser Sufsunntige handelte, die in der Region legendär sind?

Weit gefehlt! Denn beim Näherkommen entpuppten sich die Klänge als Musik von Mozart – oder war es Mendelssohn? Als unserem Wanderer schliesslich von einer freundlichen Dame ein Programmzettel in die Hand gedrückt wurde, war das Rätsel gelöst: Es handelte sich um eine der fünf Stationen des Menuhin Pop-up-Festivals «Musique et Nature» zwischen Saanemöser und dem «Mirage»-Spiegelhaus in der Gruben, an denen jeweils hochkarätige Kammermusik-Ensembles des Gstaad Festival Orchestras (GFO) sowie ein Streichquartett der International Menuhin Music Academy (IMMA) von Klassik über Jazz und Tango so ziemlich alles spielten.

Was lag nun näher, als einen der Hauptverantwortlichen des Anlasses und seines Zeichens administrativer Leiter des Gstaad Menuhin Festivals & Academy, Lukas Wittermann, bezüglich dieses originellen Events zu Wort kommen zu lassen?

Für alle erreichbar
Lukas Wittermann war an der dritten Station, wo ein Streichquintett musizierte, und versuchte gerade, mit einem Teppichresten den Drehstuhl der Kontrabassistin auf dem unebenen Grasboden zu stabilisieren. «Während der Lockdown-Zeit haben wir uns zusammen mit dem gesamten Festivalteam Gedanken darüber gemacht, was man machen könnte, wenn das reguläre Menuhin Festival nicht stattfinden sollte», erzählte Wittermann. Die Idee eines Wanderkonzertes wie zum Beispiel bei der Geltenhütte oder dem Geltenschuss sei nicht neu gewesen. «Da wir aber wollten, dass die Konzerte für alle zugänglich sind, haben wir uns schliesslich für diesen Weg entschieden», ergänzte er.

Die Musikerinnen und Musiker des GFO wären diesen Sommer anlässlich des Menuhin Festivals vor Ort gewesen und freuten sich, an diesem Event teilzunehmen. «Es ist für die Musiker zwar etwas schwierig mit dem Wind, Berührungsängste gegenüber der Natur haben sie aber keine», so Wittermann zur Einstellung der Musiker in dieser doch ungewöhnlichen Situation.

Zu den Zielen des Anlasses sagte er: «Wir wollten den Musikern einen kleinen Ersatz bieten und den Leuten in der Region, wo jetzt so wenig stattfindet, etwas bieten, was für alle erreichbar ist.»

Derweil hatte das Streichquintett einen Ragtime von Joplin zu swingen begonnen und die Bänke füllten sich mit Wanderern, Bikern sowie Musikliebhabern. In den Hüften wippend sagte eine Bikerin aus dem Kanton Basel: «Ich bin zufälligerweise hier vorbeigefahren. Ich habe normalerweise mit solcher Musik gar nichts am Hut. Nun gehe ich vielleicht doch mal an ein Konzert.» Ein älteres Ehepaar aus Lausanne beteuerte, dass es seit Jahren zu den Menuhin-Konzerten komme und schwärmte: «Es ist ausserordentlich, die Musik für einmal draussen in dieser herrlichen Bergwelt zu geniessen.»

Ungewohnte Kulisse
Am Konzertstandort in der Nähe des Bahnhofs Saanenmöser gab das Streichquartett der IMMA klassische Melodien zum Besten. Die Veranstaltung war schon um 10 Uhr recht gut besucht und die zufriedenen Gesichter unter dem Publikum bewiesen, dass auch das Geratter eines Mähers auf einer benachbarten Wiese das Glück nicht trüben konnte.

Auch die Studentinnen und Studenten der renommierten Academy waren in positiver Stimmung, so die Bratschistin Julia Yamamoto: «Es ist anders als in der Kirche oder im Zelt, aber gerade während dieser Covid-Zeit ist es positiv und vernünftig, draussen an der frischen Luft zu spielen.» Der Violinist Samuel Hirsch meinte, dass es sehr erfreulich sei, nach der Krise wieder vor Publikum zu spielen und es ihn überhaupt nicht störe, draussen zu spielen
– auch wenn die Geräuschekulisse ungewohnt sei oder Leute sprächen.

Çetin Köksal, Präsident der Saaner Freunde der IMMA und Stiftungsratsmitglied der IMMA, schätzte es sehr, dass die Musikerinnen und Musiker die Gelegenheit erhalten haben, vor Publikum aufzutreten. Er war dankbar, dass die Academy auch dieses Jahr und unter diesen besonderen Umständen am Menuhin Festival teilnehmen darf, was nach seinen Worten keine Selbstverständlichkeit ist. «Es gehört zu meinem erklärten Ziel, die IMMA wieder häufiger ins Saanenland zu bringen und wieder bekannter zu machen», hob er hervor. Köksal erinnerte daran, dass der Sitz der IMMA wohl in Gstaad sei, der Studien- und Wohnort der Studierenden aber in Rolle am Genfersee.

Ob der Open-Air-Anlass auch nächstes Jahr stattfindet, ist für Lukas Wittermann noch eine offene Frage: «Vielleicht, wer weiss. Auf alle Fälle ist es insgesamt eine Riesenchance, dieses Jahr Erfahrungen zu sammeln, aus denen wir auch in den kommenden Jahren schöpfen können.» Unser Wanderer darf also auf die Musiksommer 2021/22 gespannt sein …

Am nächsten Samstag, 29. August (bei schlechtem Wetter Verschiebedatum Sonntag, 30. August) findet zwischen 10 und 13 Uhr an fünf Stationen auf dem Panorama-Wanderweg zwischen Saanemöser, Schönried und dem «Mirage»-Spiegelhaus in der Gruben die zweite musikalische Wanderung «Musique et Nature» statt. Der Eintritt ist frei, es gibt jeweils eine beschränkte Anzahl von Sitzplätzen.

www.gstaadmenuhinfestival.ch

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