Eintauchen in die weite Welt des Buches

Di, 22. Sep. 2020

Das Buch dürfte nach dem Lockdown wieder an Stellenwert gewonnen haben. Jedenfalls war das Interesse am Literarischen Herbst vom Wochenende gross. Die Lesungen im Le Grand Bellevue Gstaad wurden von einem interessierten Publikum besucht.

LOTTE BRENNER
Eigentlich hätte sich das Literaturfestival über fünf Tage hinstrecken und es hätten Jubiläumsanlässe stattfinden sollen. Denn der Literarische Herbst Gstaad jährte sich heuer zum zehnten Mal. Doch Corona wollte es anders. Das Programm wurde redimensioniert, doch die Anlässe waren qualitativ hochkarätig und äusserst spannend. Leider auch coronabedingt konnte Nora Gomringer, die ihr Buch «Gottesanbeterin» vorstellen wollte, am Samstag im Le Grand Bellevue Gstaad die Lesung nicht bestreiten, da sie noch auf das Resultat des Corona-Tests warten musste und deshalb ihre Reise in die Schweiz nicht rechtzeitig antreten konnte. Dafür konnte Liliane Studer die Autorin Anna Weidenholzer gewinnen, die kurzfristig die Lesung übernahm. Zwar kommt Weidenholzer ebenfalls aus Österreich, war aber zur Zeit gerade auf einem Stipendienaufenthalt in Winterthur. Da kam Gstaad für sie gelegen, um eine weitere Gegend der Schweiz etwas kennenzulernen.

Die Moderatorin Liliane Studer stellte die 36-jährige Autorin aus Wien vor. Ihr literarischer Werdegang ist ansehnlich. Mit dem Erzählband «Der Platz des Hundes» von 2010 war sie im Jahr darauf zum Europäischen Festival des Debütromans in Kiel eingeladen. Ihr erster Roman «Der Winter tut den Fischen gut» war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2013 wurde sie mit dem Reinhard Priessnitz Preis ausgezeichnet und ihr Roman «Weshalb die Herren Seesterne tragen» wurde 2016 für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2017 erhielt sie den Outstanding Artist Award für Literatur der Republik Österreich. In Gstaad stellte sie ihren letzten Roman «Finde einem Schwan ein Boot» (2019) vor. Auf die Frage von Liliane Studer, ob sie geflissentlich Tiere als Titelgestalten wähle, versprach sie, künftig davon abzusehen und Blumen oder anderes dafür auszuwählen. Allzu sicher tönte dieser Vorsatz doch nicht.

Was steckt hinter dem Schwan im Titel?
Um den ersten Satz des Buches «Wir müssen das Trocknen von Wüsten auf später verschieben, mit diesem Satz liege ich neben dir» zu verstehen, muss man sich schon weit ins Buch hineinlesen. So erging es offenbar auch Moderatorin Liliane Studer. Und auch was es mit dem Titel «Finde einem Schwan ein Boot» auf sich hat, wird erst auf Seite 65 offenbart. So macht Anna Weidenholzer den Lesern den Einstieg in ihre fantasievolle und doch sehr vom Alltag monoton geprägte Welt nicht leicht. Sie erzählt in schlichter Sprache, doch sehr genau, Beziehungen, die sich allmählich, fast nicht wahrnehmbar, auseinanderleben, ein gewohntes Umfeld, das sich nach und nach verfremdet. Feste Bekanntschaften, Nachbarn, die sich täglich treffen, ein Café im Quartier, wo immer dieselben Gäste auftauchen – ein Leben voller alltäglicher Rituale: Das sind ihre Geschichten, die in ihrer Trivialität genauestens und sehr detailliert erzählt und hinterfragt werden. Das Spannende dabei ist, dass die Leser sich in den Alltäglichkeiten plötzlich betupft wiederfinden und den unaufhaltsamen Zerfall dieses vertrauten Alltags spüren, plötzlich merken, wie ungleich zum Beispiel das Protagonistenpaar ist und wie verlogen es sich darüber hinwegstellt – bis das Rollenspiel nicht mehr auszuhalten ist.

Die Anthologie «Dunkelkammern»
Der Abend im Le Grand Bellevue Gstaad war ausschliesslich drei Lesungen der Anthologie «Dunkelkammern» aus dem Suhrkamp Verlag gewidmet, herausgegeben von Michel Mettler und Reto Sorg, dem Moderator im Literarischen Herbst.Von den 17 Autorinnen und Autoren des Buches mit dem Untertitel «Geschichten vom Entstehen und Verschwinden» lasen am Samstag Michael Fehr, Stefanie Sourlier und Raphael Urweider in Gstaad. Reto Sorg skizzierte die Entstehungsgeschichte der Anthologie «Dunkelkammern». Er stellte die Frage in den Raum, was zu tun sei, damit es den Autoren besser gehe, in einer Zeit, wo der Druck auf die Literatur stets zunehme. Er sieht eine Chance, sie mit Zeit und Ruhe durch die Krise zu führen, und so sei auch das Buch «Dunkelkammern» zu verstehen, das nach jahrelanger Arbeit nun vorliege. Darin kämen nicht nur Produkte vor, die in Schlagzeilen auftauchen, sondern es kämen verschiedene Autoren im Gespräch ohne Journalisten zu Wort. Die Sammlung von Erzählungen auserwählter Schriftstellerinnen und Schriftsteller berichtet von Themen, die sie beschäftigen. Das Buch wird folgendermassen definiert: «Jede Geschichte hat ihre verborgene Entstehungsgeschichte, die zu erzählen es lohnt, da ihr oft eine faszinierende Dialektik von Verschwinden und Erscheinen, Erleben und Erzählen innewohnt.» Und das ists, was Sorg «Stoff» nennt. Die Aufgabe eines jeden Schreibenden ist also, seinen «Stoff» auszubreiten, zu erzählen. «Es kommt nicht darauf an, was und wie man schreibt, sondern dass man schreibt.»

Raphael Urweider, der sonst eher mit Gedichten bekannt wurde, widmet sich dem «Stoff» Alkohol und begibt sich da in verschiedene Breitengrade. Er porträtiert dabei verschiedenste Charakteren, durchbrochen von Interviews mit seinem Onkel, der in Israel war, und die er in der Ich-Form führt.

Stefanie Sourlier schreibt über sichtbare Spuren, die auf etwas hinweisen, was in Vergessenheit geraten war oder die willfährige Zerstörung von Stoffen, um etwas Neues zu schaffen. Sie braucht dazu nicht nur Optisches und Akustisches, sondern nimmt auch Gerüche als Erinnerungsfetzen wahr, bedient sich der Klänge, Räume, Gedanken, Zufälle, Träume ... «Stoff» habe auch mit Unkontrollierbarem zu tun. Es sei nicht immer die Frage von Freiwilligkeit, sondern könne in Obszession ausarten. Schliesslich müsse Literatur nicht immer nur schön und lustig sein, sie habe auch ihre dunklen Bereiche.

Michael Fehr, der seinen Beruf als «Erzähler» bezeichnet, gibt als Richtlinie an, «die Bilder innen und nicht aussen zu suchen», sonst würden sie unverständlich. Seine Lektüre ist eine Horrorgeschichte pur, eine Begebenheit, die durch das zwanghafte Verhalten eines Kindes entsteht, jedoch dann durch Bestürzung, Scham und Besorgnis der Mutter doch noch in andere Wege geleitet werden kann.

Reto Sorg resümiert: «Literatur, die sich mit Bösem beschäftigt, kann positiv sein.» So entlässt er guten Gewissens die Zuhörerschaft ohne das grosse Gruseln in die Nacht.

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