Training auf dem «fliegenden Teppich»

Fr, 13. Nov. 2020
Technische Fertigkeiten wie Hüftknick und optimale Position über dem Ski können auf dem Trainingsteppich hervorragend trainiert werden. Neigung und Tempo der Anlage sind variabel und fördern bei den Athleten die situative Anpassungsfähigkeit. FOTOS: ZVG

Fred Labaune, Cheftrainer im Regionalen Leistungszentrum (RLZ) Gstaad und RLZ-Präsident Philippe Chevalier nutzten die Gelegenheit, eine Indoortrainingsanlage zu übernehmen. Nun sind sie auf der Suche nach einer geeigneten Lokalität, wo der Trainingsteppich installiert und betrieben werden kann.

JENNY STERCHI
Der Skirennsport ist wie viele alle Wintersportarten abhängig von den Witterungsbedingungen. In Zeiten des Klimawandels können Trainingspisten zum Teil erst spät oder nicht kontinuierlich zur Verfügung gestellt werden. Im Saanenland finden sich im Trainingszentrum Hublen und am Wasserngrat gute Gegebenheiten, aber wenn der Schnee ausbleibt und die Temperaturen hoch sind, liegt für den Nachwuchs im Skirennsport keine Trainingsbestzeit drin.

Vor einigen Jahren nutzte das RLZ Gstaad eine Indooranlage in Interlaken, bei der es weder Kunstschnee noch winterlicher Temperaturen bedurfte. Ein Teppich, der nach dem Prinzip eines Laufbandes funktioniert und einer Endlospiste gleicht, ist der Kern dieser Anlage. «Das ist ein fantastisches Arbeitsinstrument», zeigt sich Fred Labaune, Cheftrainer beim RLZ Gstaad, begeistert.

Was bringt dieser Teppich?
Bei den ersten Trainingseinheiten, die Labaune mit seinen Schützlingen vor einigen Jahren auf einem solchen Teppich verbrachte, wurden die Möglichkeiten des spezifischen Techniktrainings schnell deutlich. «Aber auch die konditionelle Komponente ist nicht zu unterschätzen», weiss der Cheftrainer: «Lassen wir den Teppich eine viertel Stunde lang laufen, absolvieren die Athleten demnach eine 15 minütige Trainingsfahrt.» Keine Trainingspiste im freien Gelände verlange dem Athleten eine 15 Minuten währende Fahrt ab. Der Teppich kann, je nach Grösse, von vier Athletinnen und Athleten zur gleichen Zeit betreten und genutzt werden.

Die Begeisterung und Überzeugung vom Nutzen bei allen Verantwortlichen des RLZ war wohl auch der Grund, warum sie das Angebot aus Saas-Fee, eine solche Anlage zum beinahe symbolischen Preis von 500 Franken zu übernehmen, unmöglich ausschlagen konnten. Hinzu kam, dass die besagte Anlage bereits vom RLZ Gstaad und seinen Athletinnen und Athleten befahren worden war. Denn es war genau der Teppich, der in Interlaken den Nachwuchsfahrern der RLZ im gesamten Oberland zur Verfügung gestanden war, bevor er dann nach Saas-Fee verkauft wurde.

Kaum war der Handel gemacht, rollte eine Solidaritätswelle vieler aktiver und ehemaliger RLZ-Schützlinge und derer Familien an. Mit vereinten Kräften von rund 40 Leuten wurde die Anlage im Wallis demontiert, verladen und zunächst nach Zweisimmen gebracht, da sich dort ein geeigneter Lagerplatz gefunden hatte. Aber auf einer eingelagerten Anlage kann niemand trainieren. «Daher sind wir nun auf der Suche nach einer Halle oder einem grossen Raum, um den Teppich in Gang setzen zu können», so Philippe Chevalier, Präsident des RLZ Gstaad. Räumlichkeiten gäbe es einige, aber wie so oft hängt die Machbarkeit von den Finanzen ab. «Wir können keine horrenden Mietzinsen aufbringen, dafür fehlen uns schlichtweg die Mittel», sind sich die Verantwortlichen einig.

Wie muss die Halle aussehen?
«Um die Anlage installieren und zufriedenstellend betreiben zu können, brauchen wir eine Halle oder einen Raum von 20 mal 20 Metern», umreisst Fred Labaune die baulichen Voraussetzungen: «Wir brauchen eine Mindesthöhe von sechs Metern. Ausserdem braucht es sowohl einen Wasser- als auch einen Stromanschluss.» Räume, die etwas kleiner sind, seien auf jeden Fall auch zu prüfen. Dabei sei die örtliche Gebundenheit nicht prioritär. «Ob die Halle nun in Gstaad, Saanen, im Pays-d’Enhaut, an der Lenk oder in Zweisimmen steht, ist vor dem Hintergrund, dass sich der nächstgelegene Trainingsteppich derzeit in Passy (Frankreich) befindet, wirklich egal.»

Die Idee, den Teppich mit Kraft- und Konditionstrainingsinhalten zu kombinieren, schlummert seit einer Weile in Cheftrainer Fred Labaune. Und so trieb er mit viel Engagement und in Eigeninitiative eine Reihe gut erhaltener Fitnessgeräte auf. «Wenn in der Halle neben dem Teppich auch noch die Geräte Platz finden würden, wäre das ganzheitliche und damit optimale Training ermöglicht», erklärt Labaune seine Intention.

Und wenn sich eine Halle findet?
Sollte sich eine geeignete und zahlbare Lokalität finden, seien noch einige Schritte bis zur Inbetriebnahme zu gehen. «Wir brauchen dann Helfer für den Transport und die Wiedermontage des Teppichs an seinem neuen Einsatzort», führt Labaune weiter aus, was vor dem Hintergrund der bereits gezeigten Unterstützung beim Transport nach Zweisimmen hoffnungsvoll stimme. «Bei der Montage, die von Technikern vom Hersteller Maxxtracks – ein Expertenteam des holländischen Herstellers – begleitet werden muss, brauchen wir neben Tatkraft nochmals finanzielle Unterstützung, ebenso wie bei der Versicherung.»

Und dann stellt sich noch die Frage danach, wie diese Anlage kostendeckend betrieben werden kann. «Für uns stehen ganz klar die Möglichkeiten sämtlicher Nachwuchsfahrerinnen und -fahrer im Mittelpunkt. Mit Blick auf die vielen Skiklubs und Leistungszentren im Berner Oberland sowie im Wallis, in der Westschweiz, der Nordwestschweiz und auch in der Zentralschweiz bieten wir hier mit unserem Teppich eine relativ nahe gelegene attraktive Trainingsmöglichkeit», erklärt Fred Labaune und versichert: «Wir streben nicht an, mit der Anlage Gewinn zu generieren.» Die Idee, einen Verein zu gründen, um die Anlage als Non-Profit-Organisation zu bewirtschaften, sei angedacht.

Der Mehrwert
Geht man über den immensen Nutzen für hiesige Nachwuchsfahrer und derer aus den besagten Regionen der Schweiz hinaus, wäre auch eine Nutzung für die Skischulen sehr interessant. «Natürlich kann ich bei Schneemangel keinen Klassenunterricht auf den Teppich übertragen», erklärt Labaune. «Aber ein gezieltes Techniktraining – übrigens auch sehr gut im Anfängerbereich möglich – im Rahmen des Privatunterrichts wäre sicher eine Überlegung wert und aus der Perspektive des Tourismus durchaus interessant, zum Beispiel bei geschlossenen Bergbahnen wegen schlechten Wetters oder Schneemangels.»

Video unter: https://tinyurl.com/y6q7kpaq

 

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