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«Man muss Menschen gern haben»

Di, 30. Mär. 2021
Ursula Imboden erklärt, wie die Arbeit als Freiwillige/r zur Entlastung der Angehörigen aussehen könnte. FOTOS: SONJA WOLF

Eine wissbegierige, engagierte Gruppe aus dem Saanenland und dem Obersimmental trifft sich regelmässig zum «Passage SRK – Lehrgang in Palliative Care für Angehörige und Freiwillige» in Zweisimmen mit einem gemeinsamen Ziel: Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt helfend und ermutigend zur Seite zu stehen.

SONJA WOLF
Berührende Stille im Kurs. Die Dozentin hat zum Abschluss des Kurstages ein Gedicht einer Krebspatientin vorgelesen (siehe Kasten). Der Tod eines nahestehenden Menschen ist wohl eine Situation, welche die meisten Teilnehmenden des Lehrganges in Palliative Care bereits aus eigener Erfahrung kennen. Betroffenheit zuzulassen ist in diesem Kurs gut und wichtig und dient zugleich einem wichtigen Lernziel: persönliche Trauer wahrzunehmen und Trauerstrategien zu entwickeln.

Noch kurz vorher war die Stimmung lebhaft gewesen: Da hatten die Schülerinnen und Schüler der Dozentin Strategievorschläge zugerufen, wie man bedrückende Erlebnisse mit unheilbar Kranken oder Sterbenden besser verarbeiten kann, um selbst ruhig schlafen zu können: «seine Gedanken aufschreiben», «in der Natur spazieren gehen», «Rituale entwickeln» waren einige der spontanen Ideen.

Der Lehrgang möchte grundsätzlich darauf vorbereiten, Menschen im Sterbeprozess zu begleiten und ihre Lebensqualität so gut wie möglich zu erhalten, sei es bei freiwilligen Einsätzen im Auftrag des Schweizerischen Roten Kreuzes Kanton Bern, Region Oberland, sei es bei einer Person im privaten Umfeld. Dabei darf aber auch nicht vergessen werden, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu wissen, wann der Begleitende selbst Unterstützung anfordern sollten.

Pflegeberufe kein Muss
Die 14 Teilnehmenden des Kurses in Zweisimmen verstehen sich allem Anschein nach bestens: Die Stimmung ist entspannt, sie hatten schon reichlich Gelegenheit, die Motivation und persönlichen Geschichten der «Klassenkameraden» kennenzulernen. Teilweise kommen sie aus Pflegeberufen, «es ist aber keine Voraussetzung für diesen Kurs. Man muss Menschen einfach gern haben und sich die Zeit nehmen, sie für eine Weile zu begleiten», erklärt Ursula Imboden, Leiterin der Abteilung beocare – Entlastung Angehörige SRK, die an diesem Kurstag auch die Dozentin war. Je nach Tagesthema unterrichten Fachpersonen aus den Bereichen Kommunikation, Pflege, Theologie, Ethik oder aus der Beratung.

Reges Interesse in der Region
Der aktuelle Lehrgang wird nicht zum ersten Mal angeboten, wohl aber zum ersten Mal in der Region Saanenland-Simmental. Das Interesse war sehr gross: «Es gab über 30 Anfragen für den Kurs», weiss Ursula Imboden. «Wir achten aber generell darauf, nur kleine Gruppen von maximal 16 Teilnehmern zu bilden für einen besseren Austausch und eine privatere Atmosphäre. Coronabedingt haben wir in diesem Fall sogar nur 14 Personen zugelassen, damit wir im Begegnungsraum der katholischen Kirche in Zweisimmen die notwendigen Abstände einhalten können.» Aufgrund des enormen Interesses in der Region hat beocare-Bildung SRK aber bereits einen zweiten Kurs in Zweisimmen ab Ende Mai geplant.

Den Menschen mehr Zeit schenken
Was motiviert die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer dazu, diese teilweise doch emotional belastende Aufgabe besser kennenlernen zu wollen?

Eine pflegeerfahrene Dame aus dem Kurs umschreibt es so: «Palliative Care heisst: den Menschen mehr Zeit schenken zu können.» In der Pflege komme die Zeit für die Menschen oft zu kurz, weil man von einem Termin zum nächsten hetze, etwa wenn man in einer Nachtschicht über 20 Personen betreuen müsse. «Dabei haben Menschen im letzten Abschnitt ihres Lebens so viel Interessantes zu erzählen!»

Jasmin Abbühl aus Oberwil im Simmental hat bereits mehrere Personen aus dem engeren Familienkreis bis ans Lebensende begleitet. Die gelernte Drogistin, die auch bereits als Schwesternhilfe gearbeitet hat, bestätigt: «Das Medizinische ist die eine Komponente, aber das Psychische ist mir immer wichtiger geworden im Laufe meines Lebens.» Der Kurs gebe ihr die nötige Sicherheit im Umgang mit den schwer kranken Menschen. Auch Theaterregisseurin Ruth Domke aus Saanen hat schon enge Verwandte im Sterbeprozess begleitet. Schon in der Vergangenheit, als sie als Coiffeuse zum Frisieren in Altersheimen unterwegs war, hat sie sich für die Belange und Geschichten der älteren Personen interessiert. Vor 12 Jahren hat sie auch schon einen ähnlichen Kurs absolviert. «Allerdings hatte ich den Eindruck, es ist ein Tabuthema, das sich jetzt endlich in der Bevölkerung etablieren muss», ist sie überzeugt.

Freiwillige Helfer
Aber egal aus welchen Motivationen die Teilnehmenden den Kurs belegt haben, ihnen allen ist gemeinsam, dass sie wertvolle Zeit mit Palliativpatienten verbringen möchten. «Pro Kurs gibt es in der Regel ein bis drei Personen, die nach Kursabschluss als Freiwillige für Einsätze bei uns zur Verfügung stehen können und möchten», informiert Ursula Imboden. «Manche kommen auch viel später wieder, wenn es ihre berufliche oder familiäre Situation zulässt.» Auch im aktuellen Kurs gebe es bereits Interessierte für eine freiwillige Mitarbeit bei der organisierten Palliative Care in der Region Saanenland-Simmental, «was uns natürlich sehr freut», so Ursula Imboden zuversichtlich zur guten Sache in der Region.

www.beocare.ch www.srk-bern.ch/de/oberland


Wünsche für die Sterbetage

Wenn die Zeit des endgültigen Abschiednehmens anbricht, bitte tretet nicht in Schwarz zu mir. Lasst mich doch noch Farben sehen, solange ich es kann. Fasst nicht einfach meine Hand. Lasst mich selber nach Eurer greifen, solang ich es noch kann. Bleibt nicht am untern Ende des Bettes stehen. Kommt her zu mir, so nahe es geht, und setzt Euch. Lasst mich doch noch bei Euch sein, solange ich es kann. Denkt nicht, dass Ihr mich langweilt, wenn ich zwischendurch meine Augen schliesse. Lasst mich einfach bei Euch ruhen, solang ich es noch kann.

Es wird vielleicht der Tag kommen, wo ich nicht mehr sprechen kann. Steht dann nicht stumm an meinem Bett. Erzählt mir was von einer Reise, einem schönen Tag, von Eurem Haustier oder singt mir leise ein Lied. Lasst mich doch Eure vertrauten Stimmen hören, solang ich es noch kann. Und habt keine Angst, etwas falsch zu machen, bleibt nicht einfach weg. Sterbende Seelen sind sensibel. Sie fühlen, wenn etwas aus Zuneigung geboren ist. Sie spüren es, bewahren es in sich lange Zeit und bis in die Ewigkeit ...

(aus dem Tagebuch einer Krebspatientin)

Quelle: Unterrichtsmaterial von Ursula Imboden

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