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«Capriccio amorosa» – der Lauf der Liebe

Fr, 28. Mai. 2021
Capucine Keller und Renaud Delaigue liessen das Publikum gesanglich an ihrer facettenreichen Liebe teilhaben. FOTO: PATRICK CHARBON

Das Abschlusskonzert des diesjährigen Festivals La Folia widmete seine musikalische Aufmerksamkeit am Pfingstmontag in der Kirche Rougemont ganz den vielfältigen Capricen der Liebe.

ÇETIN KÖKSAL
Was wäre das Leben ohne sie? Bestimmt einfacher, aber auch öde, platt und leer. Die Liebe gehört zur (menschlichen) Natur wie Geburt und Tod. Manchmal verleiht sie uns Flügel, die uns in ungeahnte Höhen tragen, und manchmal zieht sie uns in dunkelste Tiefen. Sie ist unberechenbar, überfällt uns, ohne sich darum zu scheren, ob uns dies gelegen kommt. Sie kommt und geht, wie es ihr gefällt. Wenn wir vollkommen ehrlich sind, bleibt uns eigentlich nur die eine Wahl: Lassen wir uns auf die Liebe ein oder nicht. Wenn ja, erfahren wir in jedem Fall einen gewissen Kontrollverlust, und wie es uns dabei ergeht, führte das Ensemble «Chiome d’Oro» dem Publikum musikalisch vor Augen.

Single – Coup de foudre – der Versuchung widerstehen
«Chiome d’Oro» setzt sich aus den vier Musikern Capucine Keller (Sopran), Renaud Delaigue (Bass), Cecilia Knudtsen (Viola da Gamba) und Pierre-Louis Rétat (Cembalo) zusammen. Renaud Delaigue eröffnete mit seiner sonoren Bassstimme den «ersten Akt» dieser kleinen konzertanten Oper. Frei, beschwingt und voller Überzeugung besang er die unendlichen Vorzüge des Single-Daseins – bis Capucine Keller langsam aus dem Hintergrund die Bühne betrat. Ihre Erscheinung raubte ihm den Atem. Wie vom Blitz getroffen wusste er nicht mehr, was und wie ihm geschah. Er rang mit dem unergründlichen Schwall von Gefühlen, wehrte sich dagegen, und sein Verstand kämpfte um Kontrolle und Ordnung. Konnte und wollte er der süssen Versuchung widerstehen?

Verführung – Liebesglück – Eifersucht
Capucine Keller, auch künstlerische Leiterin von La Folia, ging in ihrer Rolle als bezirzende Verführerin glaubhaft auf. Die zarten Schalmeienklänge ihres klaren und warmen Soprans liessen die tugendhaften Vorsätze des «starken» Mannes in Windeseile in Luft auflösen. Eng umschlungen wiegten die beiden sich bald im vollkommenen Liebesglück. Ein harmonisches Duett beschenkte den anderen mit den zärtlichsten Bekenntnissen und Liebkosungen, bis sie zu einer unzertrennlichen Einheit verschmolzen. Überglücklich, beschwingt und von seinen Romeo-Qualitäten überzeugt, zog der künftige Göttergatte von dannen und siehe da, die nächste Versuchung liess nicht lange auf sich warten. Eine gelungene Eroberung spornt doch zu jeder weiteren an. Zu dumm nur, wenn die Vorangehende Wind davon bekommt. Dann wird aus der weichen, warmen, lieblichen Verführerin im Handumdrehen eine Gift und Galle speiende Furie. Capucine Keller gab diese wiederum so überzeugend, dass jeden Mann im Publikum unweigerlich ein mulmiges Gefühl überkommen musste. Urplötzlich wurden genau solche Erlebnisse des Liebeslebens aus den Tiefen der Erinnerung geweckt. Wie gerne hätte Mann diese Momente doch für immer vergessen wollen …

Streit – Traurigkeit – Versöhnung
Es kam, wie es kommen musste. Ein fürchterlicher Streit zog auf, das Liebespaar fetzte sich so richtig und liess keine Anschuldigung oder Beleidigung aus. Einfach nur fantastisch – aus der Perspektive des «voyeuristischen» Zuschauers. Musikalisch war dies womöglich sogar der Höhepunkt des Konzerts. Capucine Keller und Renaud Delaigue sangen sich mit einer Präzision und Leidenschaft «in Grund und Boden», dass es eine wahre Freude war. Oder war das Publikum einfach nur froh und erleichtert, für dieses eine Mal nicht selber involviert zu sein, dass es mit Wonne – und etwas Schadenfreude – dem Gezänk beiwohnte? Nun, wir alle wissen, dass Streitereien Narben hinterlassen. Auf Wut folgt Erschöpfung und Traurigkeit. Cecilia Knudtsen verlieh ihr mit ihrem feinen, samtenen Viola-da-Gamba-Spiel einen passenden Ausdruck. Leise, aber nicht minder stark schmerzten die Herzen. Enttäuschung kam auf und jeder beklagte sein Schicksal – bis sich ein dünner Hoffnungsschimmer am Horizont auftat. Vorsichtig fassten die Liebenden wieder Mut und bemerkten, wie sehr der eine dem anderen fehlte. Trotz aller Widrigkeiten fühlten sie, dass ein kostbares Band sie verband, welches auch zerbrochenes Geschirr nicht durchtrennen konnte.

Was ist nun die Moral dieser gekonnt zusammengewürfelten Geschicht aus Arien von Cavalli, Monteverdi, Legrenzi, Pergolesi, Scarlatti oder Frescobaldi? Vielleicht, dass uns die Liebe in all ihren Facetten erst richtig lebendig werden lässt. Worauf also warten wir noch? Hinein in das turbulente Gefühlskarussell …

 

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