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Ein Livekonzert und sein beseeltes Publikum

Mi, 26. Mai. 2021
Das Vergnügen war ganz offensichtlich auf beiden Seiten. Reto Reichenbach genoss seinen Vortrag vor echtem Publikum und das Publikum die lang vermisste Atmosphäre eines Livekonzerts. FOTO: JENNY STERCHI

Das Klavierkonzert, das Reto Reichenbach in der reformierten Kirche von Zweisimmen am letzten Freitag gab, war für die 50 Zuhörenden wie eine Offenbarung.

JENNY STERCHI
Reto Reichenbach hätte am vergangenen Freitagabend spielen können, was er wollte. Das Publikum hätte ihm alles abgenommen. In Gesellschaft Livemusik zu erleben war etwas, das lange herbeigesehnt wurde. Die Konzertvereinigung Zweisimmen hatte Reto Reichenbach im Rahmen der «Februarkonzerte» eigentlich schon für Anfang des Jahres vorgesehen. Damals war aber an Konzerte mit echtem Publikum coronabedingt nicht zu denken.

Zwei ausgebuchte Konzerte
Nachdem es in den vergangenen Monaten vor sorgfältig geplanten Kulturveranstaltungen oftmals «abgesagt» geheissen hatte, liess der Balken «ausgebucht» über dem Konzertinserat der Musikgesellschaft Zweisimmen aufhorchen. Tatsächlich waren die Tickets für das Konzert innerhalb kurzer Zeit reserviert. Das Schutzkonzept erlaubte 50 Gäste. Umso erfreulicher war die Tatsache, dass weitere 50 Musikliebhaber und kulturell Ausgehungerte die Möglichkeit hatten, der Klaviermusik in einem zweiten Konzert zwei Stunden später zu lauschen.

Fantasievolles und Fantastisches
Die Stücke für das Klavierrezital «Quasi una fantasia» hatte Reto Reichenbach sorgfältig und wohl überlegt ausgewählt. Er startete mit der «Polonaise-Fantasie», Opus 61 von Frédéric Chopin. Doch zuvor lieferte er die Information, dass Chopin, anders als bei einer Polonaise üblich, auch leise und zurückhaltende Motive sowie diverse Tonarten verwendet habe. Daneben müsse aber niemand auf die gloriosen und heroischen Elemente einer Polonaise verzichten. Und genau so kam es für die Zuhörenden.

Auch bei der darauffolgenden Klaviersonate in Es-Dur, Opus 27(1) von Ludwig van Beethoven bot der Pianist Hintergründiges. Die «Sonata quasi una fantasia» steht als «Schwester» der weltbekannten «Mondschein-Sonate» in den Augen Reichenbachs völlig zu Unrecht häufig in deren Schatten. «Ein Allegro schliesst sich an den ersten Satz wie eine schallende Ohrfeige an», so beschrieb der aus der Region stammende Reichenbach mit launigen Worten den Charakter der Musik. Das «spukhafte Scherzo wie ein wilder Ritt», wie der Pianist es selber umschrieb, war im Mittelteil für die Anwesenden deutlich zu hören.

Den Schluss des Klavierrezitals bildete Franz Schuberts «Wandererfantasie» in C-Dur. «Sie hat weniger mit einer Wanderung zu tun», erklärte Reichenbach einführend. Schubert habe sich für seine instrumentalen Kompositionen mitunter eigene Lieder als Grundlage genommen. In diesem Fall sei es das sehr traurige Lied «Der Wanderer» gewesen, das Schubert zur Basis gemacht habe. «Es handelt von einem einsamen Menschen, der sich auf der Suche nach dem Sinn, nach Erfüllung, Gemeinschaft und Zugehörigkeit befindet», umriss Reichenbach den thematischen Hintergrund des Stückes. Ein Beweis dafür, dass sich menschliche Verhaltensweisen nicht auf vergangene Epochen beschränken lassen. Ein immer wiederkehrendes Motiv und unüberhörbare Rhythmuswechsel waren Schuberts Mittel und zeigten nochmals das Können des Pianisten.

Mit den sehr anschaulichen und bildhaften Erklärungen, die Reichenbach jeweils vor Beginn des Vortrags lieferte, konnte sich die Fantasie der Zuhörenden in Bewegung setzen und die Fähigkeiten des Pianisten auf seinem Instrument erfüllten den Anspruch an das Fantastische.

Nach einer herbeigeklatschten Zugabe verliessen die Zuhörenden berührt von der Musik die Kirche und gingen beseelt vom lange vermissten Konzerterlebnis nach Hause.

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