Geflüchtet aus der Ukraine – Leben im Exil
06.03.2023 , Schönried, Saanenland, GesellschaftDer Krieg in der Ukraine begann vor gut einem Jahr. Und fast so lange lebt Lena Dobrovolska mit Ehemann Sergii und Sohn Yvan sowie Max Schwenters Schwiegermama Ludmilla in Saanen. Obschon die Geflüchteten sich gut eingelebt haben, wünschen sie sich nichts sehnlicher, als endlich ...
Der Krieg in der Ukraine begann vor gut einem Jahr. Und fast so lange lebt Lena Dobrovolska mit Ehemann Sergii und Sohn Yvan sowie Max Schwenters Schwiegermama Ludmilla in Saanen. Obschon die Geflüchteten sich gut eingelebt haben, wünschen sie sich nichts sehnlicher, als endlich wieder zurück nach Hause gehen zu können.
KEREM S. MAURER
Weit weg von zu Hause in einem Land, dessen Sprache man nicht spricht, weil man sie zu Friedenszeiten nicht gelernt hat. Plötzlich eingebettet in eine fremde Kultur. Wie haben sich die ukrainischen Flüchtlinge im Saanenland eingelebt?
Am Küchentisch in Schönried sitzen Max Schwenter und seine Frau Olena Kyrylowa mit Schwiegermama Ludmilla und Freundin Lena Dobrovolska. Auf dem Tisch stehen Kaffee und Kürbiskuchen, den Ludmilla gebacken hat. Die Geflüchteten haben ihr Land vor knapp einem Jahr in einer abenteuerlichen Nacht-und-Nebel-Aktion verlassen und wurden von Max Schwenter und Stiefsohn Yehor an der moldawisch-rumänischen Grenze abgeholt (wir haben darüber berichtet). In diesen Tagen, in denen sich ihre Flucht bald zum ersten Mal jährt, kommen die Emotionen wieder hoch. «Wir sind der Schweiz und dem Saanenland unendlich dankbar», übersetzt Olena Kyrylowa die Worte ihrer Freundin Lena.
Beispiellose Gastfreundschaft
«Wir haben grossartige Gastfreundschaft erfahren», sagt Ludmilla, die – wie Olena Kyrylowa scherzend sagt – fast jeden Tag einen Kuchen backt, den Garten bestellt und überall mithilft, wo sie kann. «Die Leute auf der Strasse haben uns vom ersten Tag an gegrüsst. Alle waren sehr freundlich», sagt die betagte Ukrainerin, die im vergangenen Jahr einige Worte Deutsch gelernt hat. Als sie angekommen seien, hätten die Nachbarn für sie Brot gebacken, Kleider und Lebensmittel gebracht, erinnert sie sich. Auch die Menschen auf den Behörden seien sehr nett und hilfsbereit. Insbesondere heben sie den Sozialdienst in Saanenmöser hervor, der ihnen bei allen Formalitäten eine grosse Hilfe war.
Die Geflüchteten mögen die Schweiz, bezeichnen das Land als friedlich, ruhig und sauber. Am meisten aber bewundern sie, wie die Gesetze hierzulande funktionieren und befolgt werden. «Alles verläuft in geordneten Bahnen», sind sie sich einig.
Schwierige Arbeitssuche
Es sei für Lena Dobrovolska und deren Sohn Yvan ein grosses Glück gewesen, dass sie so schnell in eine Wohnung einziehen konnten. Aufgrund des Artikels im «Anzeiger von Saanen» vor einem Jahr haben Freunde von Olena Kyrylowa und Max Schwenter den Geflüchteten eine Wohnung zur Verfügung gestellt und eingerichtet. Nach ihrem Einzug dort sei im Mai des letzten Jahres auch Lenas Mann Sergii nachgekommen. Damit war die Familie wieder vereint. «Er ist 52 Jahre alt und sehbehindert. Deshalb durfte er aus der Ukraine ausreisen und musste nicht an die Front», erklärt Lena und erzählt, dass Sergii gerade in Zweisimmen einen Intensivkurs in Deutsch besuche. Arbeit habe er trotz intensiver Suche allerdings bislang nicht gefunden. «Wohl wegen der Sehbehinderung und der fehlenden Sprachkenntnisse», vermutet Lena. Etwa drei Monate lang habe Sergii bei Frautschi Holzbau AG in Schönried gearbeitet, doch aktuell suche er wieder Arbeit. «Sergii macht alles, er ist sich für nichts zu schade», fügt sie hinzu.
Halbwegs normaler Alltag
Der dreizehnjährige Yvan, der nicht mit am Küchentisch sitzt, besucht die sechste Klasse in Schönried. Nach anfänglichen Schwierigkeiten habe er sich gut eingelebt, erzählt die Mutter. Anfänglich habe der Junge nicht verstanden, warum er im Saanenland bleiben muss und nicht mehr nach Hause darf. Deshalb hatte er Mühe, sich hier zu integrieren. Doch mittlerweile gehe er nicht nur gerne zur Schule, sondern er darf – weil er seit sechs Jahren Cello spielt – auch in die Musikschule. Sprachlich sei Yvan heute so weit, dass er fast für seine Mutter dolmetschen könne. Mit gespendeten Ski und Skibekleidung sei Yvan häufig im Skiparadies anzutreffen, obschon Ski alpin im Gegensatz zu Langlauf in der Ukraine kein grosses Thema sei. Daneben verfolgt der Teenager den Online-Unterricht der ukrainischen Tagesschule sowie die dortige Musikschule. Stolz erzählt Lena Dobrovolska, dass Yvan zusammen mit Angela, einer klavierspielenden Nichte von Olena Kyrylowa, zur Weihnachtszeit im Maison Claudine Pereira für die Bewohnenden ein Konzert gespielt habe. Lena Dobrovolska ist ausgebildete Pianistin und komponiert auch hier Musikstücke, wie zum Beispiel jene, die im besagten Konzert aufgeführt wurden. «Daneben mache ich das, was ich auch zu Hause mache: Ich betreue mein Kind», sagt sie und spricht von einem halbwegs normalen Alltag. Und Ludmilla? Max Schwenters Schwiegermama, die meist still am Tisch sitzt, aufmerksam zuhört und nur ab und zu etwas sagt, hat nur einen Wunsch: «Ich will einfach nur zurück nach Hause», sagt sie mit trauriger Stimme.
Heimweh und Bombenalarm
Heimweh ist der ständige Begleiter von Ludmilla, Olena, Yvan und Sergii. Insbesondere in diesen Tagen, in denen sich alles zum ersten Mal jährt. Plötzlich schimmern Tränen in den Augen der Ukrainerinnen. «Wir rufen praktisch jeden Tag zu Hause an», sagt Lena Dobrovolska leise. Praktisch täglich erzählten die Zuhausegebliebenen von Bombenalarmen, Stromausfällen und Heizungen, die nicht zuverlässig funktionierten. «Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als endlich wieder heim gehen zu können», sagt die Pianistin. Aber alle, die in der Ukraine geblieben sind, würden ihr davon abraten. «Bleibt, wo ihr seid. Bleibt in Sicherheit, sagen sie.» Was müsste denn passieren, damit die Ukrainer:innen wieder zurück könnten? «Es müsste Friede sein, der Krieg müsste endlich aufhören», flüstert Lena Dobrovolska.