«Wir haben genug Paragrafen und verscheuchen damit die Menschen aus unserer Kirche»

  10.06.2022 Saanenland

Ab 1. Juli können gleichgeschlechtliche Paare zivilstandesamtlich heiraten. Gilt das auch in den Kirchen? Gleichgeschlechtliche Verbindungen sind vielerorts erlaubt, den Ehebund kann man voraussichtlich nur bei der reformierten Kirche ab 2023 eingehen.

BLANCA BURRI
Weshalb können Schwule und Lesben in der katholischen Kirche nicht heiraten? Alexander Pasalidi, römisch-katholischer Pfarrer: «Jetzt könnten wir stundenlang diskutieren!» Alle lachen. Sofort wird Pasalidi wieder ernst. «Die kirchliche Lehre, die zweitausend Jahre alt ist, sagt: Die Ehe ist eine Institution zwischen Mann und Frau.» Da könne man heutzutage in einer aufgeklärten Gesellschaft dafür oder dagegen sein. Der Staat gehe in dieser Frage neue Wege, dessen sei sich die Kirche bewusst, aber die Meinung des Staats decke sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Kirche. «Das muss auch nicht sein», findet Pasalidi.

Staatsrechtliches und biblisches Menschenbild
Alexander Pasalidi erklärt, weshalb die Meinung des Staates und der Kirche manchmal auseinandergehen: «Der Staat ist schliesslich auch um einiges jünger als die katholische Kirche.» Deshalb decke sich das biblische Menschenbild nicht mit dem staatsrechtlichen Menschenbild. «Die biblische Ehe gründet beispielsweise auf dem Matrimonium, dem Schutz von Frau und Kind vor dem Mann», so Pasalidi. Die Ehe sei auf die Familienplanung ausgerichtet und darauf, dass Frau und Kind vom Mann geachtet und versorgt würden, führt er weiter aus.

Entwicklung ja, aber wie und wohin?
Weshalb kann die katholische Kirche in der Ehefrage keine neuen Wege gehen und sich nicht entwickeln? Darauf erklärt der reformierte Pfarrer Bruno Bader, dass es in jeder Kirche eine Entwicklung gebe, immer. In Deutschland beispielsweise gehe die katholische Kirche zusammen mit Laien den sogenannten Synodalweg. «Es ist ein Versuch, die katholische Kirche zu protestantisieren», analysiert Bader. Der Pfarrer der reformierten Kirche Saanen-Gsteig warnt, dass dies gefährlich sei, denn: «Die evangelische Kirche gibt es ja bereits – und in Deutschland ist sie in einem desolaten Zustand! Deshalb rate ich den Katholiken: Bleibt katholisch!» Er wies darauf hin, dass es zur Identität der katholischen Lehre gehöre, dass die Ehe ausschliesslich zwischen Mann und Frau gedacht sei.

Geburtsstätte der Universität
Alexander Pasalidi äussert sich dezidiert zur Entwicklung der katholischen Kirche: «Die katholische Kirche hat sich immer geistig entwickelt und sich auseinandergesetzt mit Medizin, Rechtsprechung, Philosophie …» Als Beispiel nennt er die Gründung der Universität Basel durch die Katholiken, einer der ältesten Universitäten der Welt. Seit der Aufklärung habe sich die westliche Gesellschaft stark gewandelt, da komme die Kirche manchmal fast nicht mit. Er gibt zu bedenken, dass diese Wandlungen vor allem in der jüngsten Zeit besonders rasant gewesen sei und meint: «Die Wissenschaft der Psychologie wurde erst 1879 geboren – im biblischen Verständnis erst vor 143 Jahren.» Bei anderen Wertänderungen wie bei der Homosexualität sei die Bewegung noch jünger. «Über die Homosexualität wird erst seit 15 bis 20 Jahren offen geredet.» Deshalb ist es für Pasalidi bereits ein grosser Fortschritt, dass die Kirchen betonen, Homosexuelle heute nicht mehr zu diskriminieren. Für ihn kommt diese Aussage einem Lippenbekenntnis gleich, denn es gebe noch immer viele Subkulturen, in denen sich Schwule und Lesben treffen, um in der Öffentlichkeit und in den Kirchen nicht angestarrt oder zum Teil verbal attackiert zu werden. «In Gstaad meinen wir, weltoffen zu sein, aber wir sind noch weit davon entfernt!»

Kein Stillstand
Und doch bleibe die katholische Kirche in Sachen Gleichgeschlechtlichkeit nicht stehen. Im Bistum Basel sei unlängst eine Regenbogenpastorale ins Leben gerufen worden, wo man die LGBT-Community in ihrem Streben und Suchen nach Religiosität begleite. Das ist für die als konservativ geltende katholische Kirche ein Meilenstein. Pasalidi begründet: «Papst Franziskus sagt, Paragrafenreiterei nütze nichts: Ihr müsst Seelsorger sein.» Und hier ist der Pfarrer mit griechisch-italienischen Wurzeln in seinem Element: «Wir haben genug Paragrafen und verscheuchen damit die Menschen aus unserer Kirche! Deshalb fordert Papst Franziskus: ‹Ihr müsst nach dem Stall der Schafe riechen!›» Was nichts anderes bedeute, als dass man keine perfekte Sonntagskirche sein müsse, sondern für seine Gläubigen da sein solle, egal in welcher Lebenssituation sie sich befänden und unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung.

Entwicklung ist ein Ringen
Die Entwicklung der Kirchen ist eine grosse Herausforderung. Die Gläubigen fordern, dass sie ihre individuelle Grundhaltung, aber auch ihre Vorschriften und Gesetze an die Gesellschaftstrends anpassen. Dieser Ruf kann Kirchen sogar spalten. Bekanntestes Beispiel ist wohl die Reformation, die im Jahr 1517 mit der Veröffentlichung der 95 Luther-Thesen begann. Das jüngste Beispiel gründet auf der Polemik rund um die Ehe für alle.

Die Evangelisch-methodistische Kirche ist eine evangelische Freikirche. Sie hat einen Ableger in Gstaad. Einzelne Bezirke spalten sich von der Schweizer Mutterkirche ab, weil sie finden, die Mutterkirche sei zu fortschrittlich. Diese Bezirke möchten am heterosexuellen Konzept des Ehebundes festhalten, so auch der Bezirk Gstaad.

Heinz Wyss von der Neuapostolischen Kirche beschreibt, wie seine Kirche mit Gesellschaftstrends umgeht: «Wir glauben daran, dass Jesus zu Lebzeiten wohl Fragen der Jünger bremsen musste und deshalb gesagt hat, dass der Heilige Geist zur richtigen Zeit ausgewählte Beauftragte und Ordinierte mit Antworten inspirieren werde.» Das heisst: Den neuapostolische Christen ist eine Erneuerung erlaubt. Heinz Wyss warnt aber: «Wir können die Bibel nicht einfach interpretieren, wie es uns gerade passt. Es ist ein Ringen darum, die richtige Antwort auf die gesellschaftlichen Veränderungen zu erhalten.» Diesem Ringen habe sich die Neuapostolische Kirche gestellt, sie habe sich in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt, betont er.

Generationenwechsel macht es möglich
Viele christliche Gemeinschaften berufen sich in der Frage Ehe für alle auf die Bibel. «Die Ehe ist eine von Gott gewollte Lebensgemeinschaft von einem Mann und einer Frau», zitiert Heinz Wyss die Bibel. Aber in der Praxis sehe das heute anders aus. Auch bei den neuapostolischen Christen gebe es Menschen mit einer anderen sexuellen Ausrichtung. Sogar unter Laienpredigern und Seelsorgern. «Wir kennen deshalb keinen Ausschluss oder Diskriminierung.» Die Menschen aus der LGBT-Szene würden auch gesegnet, nur heiraten dürfe man nicht. Er betont noch einmal, dass es keine Diskriminierung gebe: «Es steht uns nicht zu, sie zu verurteilen.» Mit diesem Kulturwandel hätten ältere Generationen verständlicherweise mehr Mühe als jüngere.

Keine Leitungsaufgaben für Homosexuelle
Das EGW musste seine Haltung bezüglich gleichgeschlechtlichen Paaren definieren, sagt Bezirkspräsident Roland Reichenbach. Zwar sei diese Art des Zusammenlebens gemäss Bibel nach wie vor eine Sünde, weil es nicht dem göttlichen Auftrag entspreche, vertritt er die Sicht der Kirche. Aber sie gewichte inzwischen einen anderen Grundsatz schwerer: «Jesus Christus liebt alle Menschen genau gleich, egal woher jemand kommt oder was er tut. Wer sind wir also, dass wir jemanden ablehnen dürfen?» Auf dieser Grundlage seien alle Menschen, auch Schwule und Lesben, im EGW willkommen. In der Praxis wurde dies in Gstaad aber noch nicht geübt. «Es gibt bei uns nach meinem Wissen bisher keine schwulen oder lesbischen Mitglieder», sagt Reichenbach. Am Gesprächstisch gibt es ein Stimmengewirr. «Das Schwulsein wird womöglich heimlich ausgelebt» und «Schwule Menschen treten aus solchen Kirchen aus oder treten ganz sicher nicht ein», meinen die einen.

Laut Roland Reichenbach können homosexuelle Personen im EGW keine Leitungsaufgabe übernehmen. Auch die gleichgeschlechtliche Eheschliessung lehnen die EGW-Richtlinien ab. Privat hat Reichenbach eine klare Meinung. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich zu einer gleichgeschlechtlichen Ehe meiner Kinder applaudieren würde.»

Aufgeblasene Thematik?
«Die Heilsarmee befasst sich seit Jahren mit dem Thema Homosexualität, nicht erst in jüngster Zeit», betont Ueli Schopfer. Homosexualität werde momentan von den Medien aufgebauscht, ärgert er sich. «In jedem Film gibt es heute eine schwule Figur, obwohl nur ein einstelliger Prozentsatz der Bevölkerung homosexuell ist.» Die Heilsarmee respektiere alle Religionen, Gesinnungen und eben auch die sexuelle Ausrichtung. Aber: Eine homosexuelle Person kann in der Heilsarmee keine Leitungsaufgaben übernehmen. Eine Diskriminierung gebe es trotzdem nicht, ist Ueli Schopfer überzeugt. Er habe einen homosexuellen Glaubensfreund, der eine Zeit lang im Saanenland lebte. Mit ihm habe er oft gebetet und ihn auch zum Mittagessen an den Familientisch eingeladen.

Umstrittene Praxis
Lange glaubte man, eine andersartige sexuelle Ausrichtung könne weggebetet oder ausgetrieben werden. Diese Therapie wird Konversionstherapie genannt. Als einziger spricht Ueli Schopfer diese Therapieform an: «Wenn ein homosexueller Mann zu mir kommt und mit mir beten will, weil die Homosexualität für ihn eine Last ist, kann man mir das doch nicht verbieten!» Diese Grundhaltung empört Bruno Bader: «Dass man das Schwulsein austreiben will, ist steinzeitliches Denken!» Doch Ueli Schopfer bleibt dabei und betont, dass er schliesslich mit allen ein Gebet spreche, die ihn darum bäten, egal um welches Anliegen es gehe.

Ehe für alle: nur bei den Reformierten
Voraussichtlich ab 1. Januar 2023 können Gleichgeschlechtliche in der reformierten Kirche heiraten, der einzigen der fünf anwesenden Kirchen. Die Berner Synode sei daran, die Kirchenordnung zu ändern, erklärt Bader. «Wir erwarten keine Opposition», sagt er. Dieser schnelle Wechsel sei möglich, weil die Ehe nach Luthers Auslegung ein weltliches Ding sei. «Bei der Eheschliessung in der Kirche bitte der Pfarrer mit dem Brautpaar um den Segen Gottes, nichts weiter», gibt Bader in die reformierte Praxis Einblick. «Aber ich bin aus anderen Gründen nicht glücklich mit der Ehe für alle», sagt er. Sie löse viele Folgeprobleme aus, die derzeit noch nicht gelöst seien. «Wir bekommen Probleme mit der Ökumene, mit der katholischen oder mit der orthodoxen Kirche beispielsweise.» Heutzutage würden viele Ehen zwischen einer katholischen und einer reformierten Person geschlossen, auch in der Kirche. Das sei dann für gleichgeschlechtliche Paare nicht möglich.

In 50 Jahren Entschuldigung und Entschädigung?
Nicht nur die ökumenische Zusammenarbeit werde komplizierter, auch bei der Fortpflanzungsmedizin gebe es viele ungeklärte Fragen. Bruno Bader: «Die eigentliche Forderung hinter der Ehe für alle ist die Samenspende und die Leihmutterschaft.» Viele reformierte Theologinnen und Theologen lehnen die Leihmutterschaft ab, wie Bader weiss. Sie begründen es mit einer modernen Form der Sklaverei. Alexander Pasalidi weist auf eine weitere Facette hin: «Die Erfüllung des Kinderwunsches von gleichgeschlechtlichen Paaren ist komplett ungeklärt und überhaupt gibt es kein Recht auf Kinder, weder für heterosexuelle noch für homosexuelle Paare.» Wenn die Kinder durch eine Samenspende gezeugt werden, könne es sein, dass sie den Erzeuger nie kennenlernen. Das sei psychologisch anspruchsvoll für die betroffenen Familien. Bruno Bader schaut in die Kristallkugel: «In ein paar Jahrzehnten werden wir vielleicht diejenigen Kinder entschädigen müssen, die durch eine Samenspende gezeugt worden sind und ihren Vater nie kennenlernen durften.»


KIRCHENTALK

Das Gespräch fand auf Einladung dieser Zeitung statt, mit:
• Bruno Bader, Pfarrer reformierte Kirchgemeinde Saanen-Gsteig
• Alexander Pasalidi, Pfarrer römisch-katholische Pfarrei St. Josef Gstaad
• Roland Reichenbach, Evangelisches Gemeinschaftswerk Bezirk Gstaad  (EGW)
• Ueli Schopfer, Heilsarmee Saanen
• Heinz Wyss, Neuapostolische Kirche Schweiz
Kirchenvertreter der ganzen Kirchenlandschaft Saanenland waren zum Gespräch eingeladen. Aus verschiedenen Gründen konnten nicht alle teilnehmen.


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