Kammermusik von der Studentin bis zum Star – ganz im Sinne Yehudi Menuhins

Di, 04. Aug. 2020
Das Führungsduo des Festivals: Christoph Müller (rechts), künstlerischer Leiter, und Lukas Wittermann, Geschäftsführer. FOTO:ZVG

CHRISTOPH MÜLLER, ARTISTIC DIRECTOR DER GSTAAD MENUHIN FESTIVAL & ACADEMY AG, IM INTERVIEW

Heute Abend eröffnet Sir András Schiff mit den drei letzten Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven das Pop-up-Gstaad-Menuhin-Festival 2020.

ÇETIN KÖKSAL
Die «schnell raufgebrachte» (to pop up) Alternative zum regulär geplanten 64. Gstaad Menuhin Festival erinnert an die Gründerzeit Ende der 1950er-Jahre, als Yehudi Menuhin aus Liebe zum Saanenland und Begeisterung für die Kirche Saanen anfing, mit Freunden Musik zu machen. Seither hat sich das kleine, familiäre Menuhin Festival zu einer der wichtigsten Grossveranstaltungen unserer Region entwickelt. Die jährlich über 65 Konzerte haben in den letzten 15 Jahren die Besucherzahlen mehr als verdoppelt, sodass die generierte, direkte Wertschöpfung für die Region Gstaad–Saanenland in normalen Jahren mittlerweile rund 12 Millionen Franken beträgt. In diesem speziellen Jahr ist natürlich alles etwas anders und wir dürfen uns auf Kammermusik sowohl von bekannten Grössen als auch von Nachwuchstalenten freuen. Christoph Müller, Artistic Director, erläutert hier Hintergründe zum Pop-up-Festival.

Welche Herausforderungen waren zu meistern, um in so kurzer Zeit doch noch ein Konzertangebot für diesen Sommer anbieten zu können?
Da wir das reguläre Festival absagen mussten, stand zuerst die Begrenzung des finanziellen Schadens im Vordergrund, welcher durch die Absage entstanden ist. Ein eigens dafür eingesetzter «Covid-19-Ausschuss» mit drei Verwaltungsräten und Mitgliedern des Teams arbeitet unter der Leitung unseres Geschäftsführers Lukas Wittermann immer noch hart an den Konsequenzen der Absage und an allfälligen strategischen Auswirkungen der Pandemie für die Folgejahre. Ein Gesuch um Ausfallentschädigung 2020 ist beim Kanton Bern hängig; darüber hinaus konnten wir auf Solidarität bei den Ticket-Rückerstattungen, den Mäzenen, den Festivalfreunden und der Gemeinde Saanen zählen. Dennoch, das Pop-up-Festival musste aus zusätzlichen, neu zweckgebunden generierten Mitteln finanziert werden. Im Weiteren mussten wir ein Schutzkonzept ausarbeiten, das wir nun umsetzen werden, und wegen der sich fortlaufend verändernden Reisebestimmungen konnten wir eigentlich nur Künstler engagieren, die in der Schweiz wohnen. Anfangs wussten wir auch gar nicht, ob jene zum Zeitpunkt des geplanten Konzerts überhaupt im Land sein werden. Zudem ist es der gesamten Festivalorganisation ein grosses Anliegen, mit diesen Konzerten zeigen zu können, dass es auch in dieser Pandemie-Zeit möglich ist, Konzerte ohne Ansteckungsrisiken zu veranstalten.

Was antworten Sie Kritikern, die Ihnen vorwerfen, dass drei der vier Stars in der Reihe «Kosmos Beethoven» wiederum die «alten Bekannten» Schiff, Gabetta und Kopatchinskaja sind?
Die drei Künstler gehören quasi zur Festivalfamilie. Seit Jahren sind sie uns treu, dem Saanenland verbunden, und viele Konzertbesucher freuen sich immer wieder auf ihre Auftritte am Festival. Durch ihren Auftritt unter diesen speziellen Umständen bezeugen sie ihre Solidarität mit dem Festival. Sie waren sehr entgegenkommend, was die Verwendung von Bild- und Tonrechten betrifft. Ihre Konzerte werden ja von verschiedenen, auch europäischen Radio- und TV-Sendern aufgezeichnet. Einer der drei Künstler hat dieses Jahr zum ersten Mal überhaupt einer Radioverbreitung zugestimmt – was uns natürlich sehr gefreut hat. Letztendlich wohnen alle drei Künstler in der Schweiz.

Der Vierte im Bunde von «Kosmos Beethoven» ist Daniel Behle. Was können Sie uns über den Tenor, der zum ersten Mal hier am Festival zu hören sein wird, erzählen?
Daniel Behle ist ein Geheimtipp, der eigentlich bereits keiner mehr ist … Er gastierte in den letzten zwei Jahren in Bayreuth in «Meistersinger» und «Lohengrin» und hätte dieses Jahr in «Tannhäuser» debütiert, singt im Herbst an der Wiener Staatsoper in Mozarts «Entführung aus dem Serail», ist bei Sony mit hervorragenden Aufnahmen präsent – kurz gesagt, ein Tenor-Superstar, der noch dazu in der Schweiz, in Basel, lebt. Ich freue mich sehr auf seine Interpretation der Beethoven-Lieder am 14. August. Begleitet wird er von Jan Schultsz an einem Hammerklavier aus dem Jahr 1824. Das wird sozusagen ein «authentischer» Beethoven-Liederabend werden.

Die fünf Konzerte der «Jeunes Etoiles» geben jeweils vielversprechende Nachwuchs künstler. Nach welchen Kriterien haben Sie diese ausgewählt?
Vier der fünf jungen Musikerinnen und Musiker wären sowieso am regulären Festival aufgetreten und konnten mit Sicherheit auch anreisen. Alle Pianisten, die auftreten, werden im Rahmen des Programms «Building Bridges» gefördert. Initiant dieser Nachwuchsförderung ist András Schiff, der pro Jahr drei vielversprechende Pianisten auswählt, die er im Rahmen von weltweiten Meisterklassen oder Vorspielen gehört hat.

Die Konzerte der «Jeunes Etoiles» finden in den Kirchen Rougemont und Gsteig statt. Als Neuigkeit organisieren Sie ein sogenanntes Voting. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?
Da selbstverständlich auch diese Konzerte live gestreamt werden können, bieten wir dem Publikum zusätzlich die Möglichkeit an, online seine Stimme dem «jungen Stern» zu geben, dessen Darbietung ihm am besten gefallen hat. Wer die meisten Stimmen erhalten wird, darf nächstes Jahr wiederum hier am Festival konzertieren.

Am 22. und 29. August findet der dritte Teil «Musique et Nature» des Pop-up-Festivals statt. Auf dem Panoramaweg Saanenmöser–Schönried und weiter bis zum «Mirage»-Spiegelhaus von Doug Aitken wird an fünf Standorten Kammermusik gespielt. Die Formationen bilden sich aus Musikern des GFO (Gstaad Festival Orchestra) – mit einer Ausnahme. Auf einer «Freiluftbühne» werden Studenten der IMMA (International Menuhin Music Academy) musizieren. Wie kam es zu diesem Engagement?
Lord Menuhin hat in Gstaad ja einerseits unser Festival gegründet und zwanzig Jahre später dann die IMMA. Mitgründer der beiden Institutionen waren zum Teil dieselben Personen. Man könnte also sagen, dass wir sozusagen Geschwister sind, und so ist es zur schönen Tradition geworden, dass die IMMA am Festival jeweils ein Konzert gibt. Da wir zudem wegen der besonderen Umstände dieses Jahr unsere Festival-Meisterkurse der Gstaad Menuhin Academy nicht durchführen können, freut es mich natürlich, dass nun durch die IMMA trotzdem auch Studenten am Festival Gelegenheit zum Auftreten erhalten.

www.gstaaddigitalfestival.ch www.gstaadmenuhinfestival.ch


TICKETS FÜR DIE «JEUNES ETOILES»-KONZERTE ERHÄLTLICH

Am 11., 12., 13., 20. und 21. August, jeweils um 19.30 Uhr, sind die Konzerte der jungen Talente in den Kirchen Rougemont und Gsteig zu erleben. Unter anderem präsentieren die beiden ehemaligen Teilnehmerinnen der Gstaad Piano Academy Pallavi Mahidhara und Elena Nefedova wie auch der Preisträger der Menuhin Violin Competition 2018 Nathan Mierdl (Violine) ihre bunt gemischten Programme. Alle Konzertdaten und Programme sind auf www.gstaadmenuhinfestival.ch verfügbar.
Es gibt noch Restplätze! Gerne können sich Interessierte (ausschliesslich!) per E-Mail cr@gstaadmenuhinfestival.ch mit folgenden Angaben bei uns melden: Wunschtermin, Vor- und Nachname, Adresse und Telefonnummer. Die Kontaktdaten aller Personen müssen angegeben werden. Es können keine Kaufkarten erworben werden.

Die Freitickets werden per Losverfahren vergeben und die Gewinner direkt vom Festivalbüro benachrichtigt. Eine telefonische Teilnahme ist nicht möglich.

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