Von Cecilia Bartolis Vivaldi-Fest zur mitreissenden Carmen-Inszenierung

Di, 27. Aug. 2019
Sorgten am Freitagabend für Jubel in der Kirche Saanen: Cecilia Bartoli und das Barockorchester «Les Musiciens du Prince» aus Monaco mit Konzertmeister Andrés Gabetta

Bei Auftritten von Cecilia Bartoli ist «full house» jeweils garantiert, denn sie zieht mit ihren stets spektakulären Programmen die Massen und ihren weltweiten Fanclub magisch an. Und wenn dazu noch Vivaldis «Vier Jahreszeiten» angeboten werden, ist ein glücklicher Abend vorprogrammiert – so auch am vergangenen Freitag in der Kirche Saanen. Ebenso verhält es sich mit Bizets «Carmen», einer der meistgespielten Opern, deren Zauber auf Jung und Alt gleichermassen eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt und am Samstag das Festivalzelt zum Beben brachte.

KLAUS BURKHALTER
Die Kirche war zum Bersten voll, als das Orchester in seiner uniformähnlichen Bekleidung die Bühne betrat. Fast musste man um die Standfestigkeit der Emporen fürchten und das Knarren im Gebälk war oft wohl unvermeidbar, wenn jedermann einen freien Blick zu den Ausführenden, auch hinter den Säulen hervor, zu erhaschen versuchte.

Ein Vivaldi-Rausch
Zusammen mit Konzertmeister Andrés Gabetta und dem 2016 gegründeten Barockorchester «Les Musiciens du Prince – Monaco» entstand ein Abendprogramm der ganz besonderen Art: Alle Programmnummern wurden durch feine Cembalo- oder Flötenimprovisationen miteinander zu einer Einheit verbunden, damit keine dröhnenden Applausstürme den Vivaldi-Zauber unterbrechen konnten. So durfte denn jedermann in diese betörende Atmosphäre voller musikalischer Überraschungen eintauchen. Es war ein Zusammentreffen bestens bekannter Stücke mit wiederentdeckten Werken aus Vivaldis Opernschaffen. So fügten sich die Melodien der «Quattro stagioni» nahtlos in den Arien-Reichtum ein, den Cecilia Bartoli anzubieten hatte. Die ersten Töne des «Frühlings» liessen aufhorchen: Da war ein Orchester am Werk, dessen Flexibilität und Klangfarbenpalette sich deutlich von denen eines modernen Orchesters unterschieden. Für viele Besucher, die sich auf volle, opulente Klänge gefreut hatten, gab es wohl eine kurze Angewöhnungszeit an die typisch barocken, streng vibratolosen, oft etwas schroffen oder dünnen Streichertöne. Doch fühlte man sich bald völlig in den Bann gezogen vom unerhört differenzierten, gefühlvollen Spiel der Musiciens du Prince. Es war ein Neu-Erleben der bekannten Violinkonzerte in einer oftmals sehr speziellen Gestaltung. Unerhörte Gegensätze in Tempi und Tongebung liessen aufhorchen: Kaum hörbare Klänge neben plötzlich explosiv-lauten Ausbrüchen oder extrem langsame, wartende Akkorde, abgelöst von übersprudelndrasenden Läufen. Das Orchester zeigte sich mit seinen Solisten (Flöte, Oboe, Violine) aber auch als äusserst gefühlvoller, flexibler Begleiter der Arien.

Bartolis Entdeckerfreude
Cecilia Bartoli ist ein Phänomen. Mit ungebrochener Energie ist sie seit Jahrzehnten daran, stets neue Projekte zu realisieren und Vergessenes zum Leben zu erwecken. So entstand 20 Jahre nach ihrem ersten Vivaldi-Album jetzt eine neue Sammlung, aus der sie in Saanen zehn unbekannte Arien aus verschiedenen Opern des Barockmeisters vorstellte. Mehrmals war die Künstlerin in dieser Kirche schon zu Gast gewesen, und – oh Wunder - erstaunlicherweise zeigte ihre Stimme auch diesmal keinerlei Abnützungserscheinungen, obwohl die Sängerin bis an die Grenzen der Ausdrucksmöglichkeiten ging. Vielmehr profitierte sie nun von ihren reichen Erfahrungen. Sie sang vielleicht ruhiger als früher, liess aber immer wieder den alten neckischen Tonfall aufblitzen, und auch die Koloraturen sprudelten wie eh und je. Wunderschöne Momente waren nun besonders auch die leisen Partien. Hier erlebte man sie in ihren innig-empfindsamen, sanften, auch wehklagenden Gefühlen. Sie gestaltete eindringlich, atemberaubend schön die lyrische, stellenweise tragische Seite in Vivaldis Musik. In diesen Arien war das Publikum ergriffen vom Reichtum an Klang und stiller Schönheit. Dann wiederum entwickelte sie zusammen mit dem Orchester ein wahres Bühnenspektakel, so beispielsweise im Zwiegespräch mit der Flöte, im Wetteifern in Ausdruck und Figurationen mit dem Sologeiger oder im Vogelgezwitscher im hinteren Kirchenraum. Bartoli hatte das ganze Programm so angelegt, dass sich extreme Gegensätze auf kontrastierenden Gefühlsebenen ablösten.

Dass am Schluss die Begeisterung des Publikums keine Grenzen kannte, war mehr als begreiflich. Für diesen Abend fehlen schlicht die Superlative, um alle Empfindungen auszudrücken. Die Musiker geizten nicht mit Zugaben. Viermal liessen sie sich bitten, bis hin zu witzigen, reisserischen Kostbarkeiten, in denen auch der virtuose Barocktrompeter seinen köstlichen Auftritt hatte. Strahlend und volksverbunden zog Cecilia Bartoli schliesslich durch die jubelnde Menge von dannen.

Das Festivalzelt im Carmen-Fieber
Echt südländische Stimmung strahlt am Samstagabend der geschickt gestaltete Bühnenhintergrund mit seinen fächerförmigen Blickpunkten an den Wänden aus, die sich im Laufe des Abends in Farben und Bildern der Handlung anpassen. So wird das in hellen Scharen aufmarschierte, erwartungsfrohe Publikum schon optisch sofort ins Geschehen eingestimmt. Und die spanische Welt öffnet sich bei der Ouvertüre zusätzlich mit vier Tänzerinnen, die sich vor dem riesigen Orchester der Oper Zürich bewegen. Vom ersten Ton an hält die Musik mit ihrem Schwung, ihrer Klarheit und tragischen Magie die Zuhörerschaft gefangen. Der Dirigent Marco Armiliato ist ein unerhört agiler, befeuernder, auch wiederum beruhigender Leiter, der das ganze Geschehen souverän führt. Das Orchester übernimmt die Intentionen seines Chefs jederzeit, spielt äusserst subtil, lässt jedes Register ab und zu aus dem mächtigen Gesamtklang solistisch hervortreten. Man fühlt die Erfahrung, welche es von seiner täglichen Arbeit in Zürich mitbringt. Auch der hervorragende Philharmonische Chor Brno (Tschechien) und die fröhliche Kinderschar der Maîtrise du Conservatoire aus Genf lassen sich von Amiliato zu Höchstleistungen antreiben. Der Chorklang ist gewaltig, auch in den separaten Männer- oder Frauenchorpartien.
Eine halbszenische Aufführung hat ihre besonderen Reize und Vorteile gegenüber einer Inszenierung im Opernhaus: Hier im Festivalzelt entwickelt sich die «echte» Carmen-Geschichte in unmittelbarer Nähe des Publikums, ohne oft störende Einfälle moderner Regisseure, mit klar leuchtendem Text und mit «sichtbaren» Orchestermusikern mitsamt dem Dirigenten, die alle nicht im Graben versteckt sind. In keinem Moment vermisst man weitere Bühneneinrichtungen, man kann sich im Gegenteil voll der Handlung und speziell der Musik hingeben. Die passenden farbenfrohen Kostüme und die Lichteffekte bereichern die intensiven Eindrücke aufs Schönste. So taucht das Publikum ein in diese Oper: Die Arien, Duette, Chöre und Tänze sind nicht nur betörend, sondern sie bringen auch ein vollblütiges Leben auf die Bühne, in dem die Liebe mit all ihren Höhen und Tiefen unter dem Himmel Sevillas gezeigt wird. Dieses Theater ist aktuell, es sprüht vor Lebensfreude, sofern man das beim fatalen Ausgang der Tragödie sagen darf. Doch kann der Zauber des Verliebens, die Spitze der Eifersucht und der Abgrund der Verzweiflung gut mitempfunden werden. Und man darf sich im leidenschaftlichen Geschehen trösten: Es sind kunstvoll übersteigerte Ereignisse, wie sie im Alltag wohl nicht geschehen würden.

Grossartige Interpreten
Die Solistinnen und Solisten der Gstaader Aufführung singen allesamt absolut auf höchstem Niveau. Was sie stimmlich und gestalterisch ausstrahlen, ist schlichtweg grandios. Das Ensemble identifiziert sich spürbar mit den Charakteren der verschiedenen Rollen. Die Mezzosopranistin Gaëlle Arquez ist eine typische Carmen, wie man sie sich in den Träumen vorstellt: eine hübsche Frau mit dunklen Haaren, feurigen Augen, in einem roten Kleid. Arquez wird in ihrem Spiel überzeugend zum Symbol der modernen, emanzipierten Frau. Sie ist gleichzeitig Opfer und Verfolgerin, Zigeunerin und barfüssige Prinzessin. Und ihre wohltimbrierte Stimme bringt all die unterschiedlichen Gemütslagen hervorragend zur Geltung, immer auch im Einklang mit ihren Bewegungen und ihrem Gesichtsausdruck. Besondere Szenen bleiben haften: Die berühmte Habanera ist ein erster Höhepunkt, später folgen die ausdrucksstarke Tanzszene in der Taverne, die furiose Todes-Entdeckung beim Kartenspiel oder ihre schroffe Rückweisung des Liebhabers kurz vor dem Ende. Ebenfalls ein absoluter Glücksfall für diese Aufführung ist der argentinische Tenor Marcelo Alvarez. Als Don José gestaltet er mit seiner grossen Stimme all seine Lebenssituationen meisterhaft. In der Blumenarie stellt er berührend seine Verzweiflung dar, dann kämpft er hochdramatisch gegen seinen Widersacher Escamillo und auch am Schluss spielt er seine letzte Klage überragend. Mit Julie Fuchs steht eine Micaëla auf der Bühne, die ihre Rolle beeindruckend interpretiert: Sie singt sehr differenziert, besitzt eine grosse Palette unterschiedlichster Stimmfärbungen, gestaltet ihre grosse Arie im dritten Akt unerhört feinfühlig, zu Herzen gehend.

Es würde hier zu weit gehen, alle weiteren Ausführenden einzeln zu beschreiben. Ganz viele grossartige Szenen und Melodien bleiben aber in starker Erinnerung haften: Da tauchen die Begegnungen mit den zechenden Soldaten und dem Offizier Zuniga (Alexander Kielche) auf, mit den diebischen Schmugglern, mit den herrlich singenden Freundinnen Mercedes (Kristina Stanek) und Frasquita (Uliana Alexyuk) und natürlich mit den intensiven Torero-Gesängen des Escamillo (Luca Pisaroni) und den Chören aus der Stierkampfarena.

Auch Bizet hätte an dieser Carmen seine helle Freude gehabt. Das Festivalzelt erbebt am Schluss über den Wogen der Begeisterung, welche das Publikum zum Ausdruck bringt. Die Künstlerinnen und Künstler werden zurecht stürmisch gefeiert. Das Wagnis einer so riesigen Aufführung darf als höchst gelungen bezeichnet werden, die Werbung für ein nächstjähriges Ereignis stimmt bereits. Ein herzlicher Dank geht an die Festival-Verantwortlichen!

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