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Auf der Suche nach Nachhaltigkeit

Di, 19. Okt. 2021
«Sehen, was es zu schützen gilt»: Für die Schülerinnen und Schüler aus Bern war der Weg hinauf zur Geltenhütte ebenso anstrengend wie eindrücklich. FOTO: ZVG

Vor den Herbstferien verbrachte eine Klasse des Gymnasiums Kirchenfeld in Bern drei Projekttage im Saanenland. Neugierig, kritisch und mit einer Vorstellung des Ortes Gstaad gingen sie das Thema Nachhaltigkeit an.

JENNY STERCHI
Die Mädchen und Jungen, welche die erste Gymnasialklasse am Gymnasium Kirchenfeld in Bern besuchen, kamen für ihre Klassenwoche nicht zufällig in die Region. Ihr Klassenlehrer Pascal Reichenbach ist im Saanenland geboren und aufgewachsen.

Gstaad als «Bonzendorf»
Auch wenn noch kaum einer der 15 und 16 Jahre jungen Menschen jemals zuvor im Saanenland zu Gast war, so eilte der Region einmal mehr ihr Ruf voraus und die Jugendlichen erwarteten grosse Häuser, teure Autos und Luxushotels. Ihre Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Und die Verbindung zwischen achtsamem Umgang mit der Umwelt und dem «Bonzendorf» Gstaad erschien ihnen zuerst nicht realistisch. Aber auf der Suche nach Nachhaltigkeit begegneten sie daneben auch dem Hüttenleben und der Auseinandersetzung einer Tourismusdestination mit dem Thema. Die Schülerinnen und Schüler befinden sich am Anfang ihrer gymnasialen Ausbildung und die Inhalte zum Thema Nachhaltigkeit gehören dazu. «Sie haben sich bereits im Geografieunterricht mit nachhaltiger Entwicklung verschiedener Regionen befasst», so Klassenlehrer Pascal Reichenbach.

Nachhaltig agieren bedeutet auch mal sich einschränken
Dass Nachhaltigkeit mitunter auch mit Einschränkungen verbunden ist, erlebten die Jugendlichen hautnah nach ihrem kräftezehrenden Aufstieg in die Geltenhütte. Strom als kostbare Ressource stand dort nicht unbegrenzt zur Verfügung. Natels konnten nicht wunschgemäss aufgeladen werden und der so blockierte Datenaustausch via Social Media schob andere Beschäftigungen wie Karten- und Gesellschaftsspiele in den Mittelpunkt. Besser hätte den jungen Leuten die Tatsache nicht vermittelt werden können, dass gelebte Nachhaltigkeit zum Teil auch das Üben im Verzicht bedeutet.

Am Folgetag waren sie in der Sport Lodge untergebracht. Sie war ohne Anstrengung zu erreichen und auch die Stromversorgung entsprach eher wieder den Gewohnheiten. Die Klassenwoche soll helfen, das Gefüge der nach den Sommerferien frisch zusammengesetzten Klasse weiter aufzubauen. Mit dem Freizeitprogramm und gemeinsamen Kochen am zweiten Tag stand dem nichts im Weg.

Alles nur Show?
Mit einem Workshop, für den der Klassenlehrer Pascal Reichenbach die Unterstützung von Gstaad Saanenland Tourismus (GST) erhielt, endeten die Projekttage. Patrick Bauer, Leiter Destinationsentwicklung bei GST, erarbeitete mit den Schülerinnen und Schülern in zweieinhalb Stunden, wie den Herausforderungen bezüglich Nachhaltigkeit in einer Tourismusdestination wie Gstaad begegnet werden könnte.

«Die Jugendlichen sind im urbanen Gebiet daheim», sagte Patrick Bauer, der im direkten Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern stand. «Der Unterschied zu auf dem Land aufwachsenden Kindern ist spürbar.» Und das sage er völlig wertungsfrei, denn die Unterschiede zwischen dem Leben in der Stadt und auf dem Land seien einfach Tatsache.

Für die Jugendlichen war es schwer vorstellbar, dass die alpine Tradition wirklich noch gelebt wird. Älplerleben und Züglete erschienen ihnen als Klischee, als aufgesetztes und touristisch genutztes Schauspiel. Hinter das fremde Gstaad zu schauen war ihre Aufgabe. Und die nahmen sie interessiert in Angriff. Der Tourismus wurde als Wirtschaftsmotor der Region erkannt, der jedoch auch immense Herausforderungen aus ökologischer Sicht mit sich bringt. Ein Flugplatz als nicht wegzudiskutierende Umwelt- und Bevölkerungsbelastung sowie leer stehende, dennoch beheizte Chalets waren schnell benannt. Energieintensive Beschneiungsanlagen würden nötig, um die nachweislich steigende Schneefallgrenze zu «kompensieren».

Wie geht Nachhaltigkeit in Gstaad?
Als bereits ergriffene Chancen entdeckten die Mädchen und Jungs die Fernwärmeversorgung, Fotovoltaik auf einigen Dächern und die Homepage von Gstaad, die über Massnahmen zur Nachhaltigkeit in der Destination informiert. Sie erkannten aber ebenso, dass das Potenzial für die Nutzung von Solarenergie noch lange nicht ausgeschöpft ist. Die Zentralwäscherei bedeute zwar ressourcenschonende Bündelung der Kräfte. Aber die CO2-intensive An- und Auslieferung der Wäsche dürfe nicht vernachlässigt werden.

Jedoch rieben sich die Jugendlichen immer wieder am Luxus und dem allgegenwärtigen Übermass.

«Für Gstaad ist der Luxus allerdings schon seit Langem ein wichtiges Element», erklärte Patrick Bauer im Workshop. «Unsere Destination hat sich früh für Gäste mit hohen Qualitätsansprüchen und damit gegen den Massentourismus entschieden.» Mit der Wertschöpfung, die dadurch generiert werde, konnten die besagten Einrichtungen realisiert und können auch zukünftige Projekte mit nachhaltigem Charakter verwirklicht werden. Das war für die Jugendlichen eine nachvollziehbare Erklärung.

Bevor sie in den Zug zurück nach Bern stiegen, liessen sie sich in der Zimmerei B. Hauswirth GmbH über Möglichkeiten nachhaltigen Handelns in der Bauwirtschaft aufklären. Zum einen erschloss sich den Mädchen und Jungs die Nachhaltigkeit beim Erstellen von Holzbauten, zum anderen begriffen sie das hohe Mass an Wertschöpfung bei der Nutzung von Schweizer Holz.


WER IST PASCAL REICHENBACH?

Pascal Reichenbach ist in Schönried aufgewachsen. Er ist seit 2018 als Lehrer für Sport und Geografie am Gymnasium Kirchenfeld in Bern angestellt. «Ich hätte gern im Saanenland gearbeitet, aber die Anstellungsmöglichkeiten auf meinem Beruf sind sehr, sehr begrenzt und wohl bis auf Weiteres besetzt», erklärt er seinen Wegzug. Verbunden ist er dennoch mit seiner Heimat, sei es als Vorstandsmitglied im Skiclub Schönried oder als OK-Mitglied am Beachvolleyballturnier Swatch Major Gstaad. Er ist in diesem Schuljahr zum ersten Mal als Klassenlehrer im Einsatz. Den jungen Mann selbst, der seit sieben Monaten Vater ist, beschäftigen die schwierige Vereinbarkeit zwischen seiner Heimat, einer Tourismusdestination mit annähernd perfekter Optik, und die Gestaltung einer Zukunft, die lebenswert bleibt. «Insbesondere wenn wir weiterhin über unsere von der Erde offerierten Verhältnisse leben. Ich beobachte bei meinen Schülerinnen und Schülern durchaus einen bewussteren Umgang mit Ressourcen», bemerkt Pascal Reichenbach. «Auch die Diskussionen zu diesem Thema nehmen spürbar zu. Dass ihre Generation und die nachfolgenden die Auswirkungen erleben werden, ist ihnen definitiv bewusst.»

 

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